Von Münster an die Nordsee
240 km in 10 Tagen
Am 12.09.2021 haben wir uns zu viert, Elisa und Hannah mit Amica und Phoebe, auf unseren insgesamt 12 Beinen auf den Weg von Münster an die Nordsee gemacht. Nach 240 unglaublichen Kilometern erreichten wir am 21.09.2021 Rysum.
Diese Seite dient dem Rückblick auf unsere Reise und drückt ein großes Dankeschön an Alle aus, die uns dies ermöglicht haben.
Dankeschön auch an unsere zwei treuen Packpferde.
(Unsere Wanderung 2022 von Münster über Köln nach Stolberg findet ihr hier!)
DIE IDEE
„Lass uns ans Meer wandern.“
Und wir gingen durch den Wald und Elisa dreht sich zu mir um und sagt: „Hannah, lass uns ans Meer wandern. Was hälst du davon?“ und ich sage erstaunt und gleichzeitig begeistert: „Ja, das ist eine tolle Idee“. Denn ich wollte schon immer mit Phoebe immer länger und weiter unterwegs sein und Elisa hat diese Erfahrung schon einmal gemacht. Natürlich bietet es sich dann umso mehr an, mit jemandem, der schon weiß, wie es geht und allen vieren, die sich gut verstehen.
Und so beschlossen wir spontan eine Wanderung von mindestens 200 km im kommenden Sommer.



Amica ist der Inbegriff von „harte Schale – weicher Kern“: Sie ist ein älter-als-sie-ist-wirkendes, braunes Warmblut aus den Niederlanden mit großem, schiefen Kopf, auf den ersten Blick ruhig und gleichzeitig etwas kratzbürstig. Auf den zweiten Blick erkennt man eine liebe Dame, die, wenn man es schafft sie komplett anfassen zu dürfen, einen ganz stolz macht vor Glück.

Phoebe könnte kaum mehr Gegensatz sein. Sie ist unser „arabischer Labrador“, herzensgut und naiv, lässt sich von jedem überall anfassen und verfügt auch über dieselbe Leichtfuttrigkeit. Sie hat ein großes Vertrauen in den Menschen und überrascht dadurch immer wieder mit ihrer Entspanntheit, wo sie doch in ihrem Leben erst seit zwei Jahren wirklich etwas zu sehen bekommt.
Zusammen haben sie sich in einer sehr positiven Art und Weise immer wieder gegenseitig auf den Grund der Dinge geholt, mal war die eine, mal die andere gelassen und konnte der Partnerin Sicherheit geben. Wobei Amica hier, und wir waren froh, dass sich das vor unserer Reise so gut ergeben hatte, die klare Chefin unter unseren beiden 4-Huflern ist. Von Phoebe erlangte man schon am ersten Tag das Bild eines Fohlens, das hinter seiner Mama herlief. Zum Glück immer in den richtigen Momenten und im richtigen Maß und Hannah gleichsam folgend.
Dass sich beide Damen so gut vertragen haben, ein ähnliches Tempo liefen und sich mit Verletzungen zurückhielten, war unser großes Glück.
TAG 1
„Ihr unterschätzt das!“
Münster – Ladbergen
20,4 km

Nach einer selbst für Elisa kurzen Nacht, wecken wir uns früh gegen 6 Uhr, wir wollen schließlich um 7 Uhr los zum Stall. Für Elisa sind diese Uhrzeiten nicht ungewöhnlich, für Hannah hingegen „scheiße früh“. So kommt es auch, dass zu Elisas morgendlichen Müsli Hannah nichts runter bekommt und sich einen Bananenshake machte, den sie bis Tag 3 mit sich schleppt (dazu später mehr!).
Den Großteil unserer Sachen haben wir schon am Vortag gepackt. Auf dem abendlichen Packzettel stand noch „Huffeile, Pferdepässe, Pflanzen gießen und Handyladekabel“. Elisa, von da an zuständig für unsere Verpflegung, packt den Proviant und 2 L Wasser für jeden.
Als wir uns auf die Fahrräder schwingen, geht gerade die Sonne auf. Die Atmosphäre ist passend zu unserer Stimmung, das Wetter genau richtig. Elisa holt am Stall die Pferde, Hannah packt die letzten Sachen ein. Abwechselnd eilen wir vor Aufregung immer wieder auf die Toilette bis es schließlich los geht. Hannah ist voller Adrenalin, Phoebe versteht nicht was los ist, für sie handelt es sich hier um einen völlig normalen Spaziergang, zwar zu einer Zeit in der sie noch nie mit Hannah zu tun hatte aber nichts Außergewöhnliches halt. Sie ist so gemütlich wie immer, nicht ahnend, dass sie ihren guten Freund Charly erst 12 Tage später wiedersehen wird. Vorne läuft Elisa, deren Nervosität seit dem Start wie davon geblasen ist, mit der durchaus wissenden und sich darüber freuenden Amica an ihrer Seite. Wobei man an dieser Stelle sagen muss: Amica lässt sich sowas nicht anmerken. Zumindest nicht von Amica-Nichtkennern.
Der erste Teil der Wanderung führt uns unter eine für uns wohlbekannte Bahnunterführung durch, danach gehts durch Coerde. Hier nutzen wir die Chance und begeben uns auf die Suche nach einem Bäcker, bevor der Weg uns für die nächsten zwei Tage am Kanal entlang führt. Nach dem Bäcker, bei dem wir schon erste Interviews geben müssen, spendet Amica dem Coerder Radweg einen dicken Haufen. Umdrehen zum Saubermachen ist schwierig, wir entscheiden uns dazu weiter zu gehen, haben jedoch die Rechnung ohne einen hartnäckigen Mann, der deutschen Sprache kaum mächtig aber offensichtlich äußerst gut integriert, gemacht. Dieser gibt Elisa in sehr gebrochenem Deutsch zu verstehen, dass das so nicht geht! 5 Minuten später geht es weiter. Von hinten hören wir die zwei Kinder des Mannes sagen: „Das Weiße ist ein Einhorn, das Schwarze ein…………..“. Das „Schwarze“ ist nicht einordbar.


Wir erreichen den Kanal. Die Sonne kommt raus, die Temperatur ist perfekt. Hannahs Sonnenhut zahlt sich gleich zu Beginn der Wanderung aus. Aber neben uns, die das Wetter genießen, häufen sich nun auch die Begegnungen mit Fahrradfahrern, die uns zunehmend nerven.
Elisa telefoniert mit ihrer Mutter, legt gerade auf, da schießt auch schon Phoebe an Hannah vorbei, wie aus dem Nichts. Der Strick wird durch Hannahs Hand gezogen und verbrennt ihren Finger. Wir brauchen mehrere Momente um zu verstehen, was der Grund für die Panik ist: Die Gepäcktasche ist verrutscht und baumelt Phoebe nun zwischen den Beinen. Anders als bei Amica handelt es sich hier um eine ganz neue Konstruktion, die zuvor kaum getestet wurde. Phoebe wird von ihrer Last befreit, wir machen vorerst eine Pause. Hannah geht ins Gebüsch zum Pinkeln, nutzt den Moment und setzt sich kurz hin. Dabei unterschätzt sie die Schweißansammlung an ihrem Hinterteil, zieht die Hose hoch und bereut im selben Moment jene Entscheidung. Nach dem Erdpeeling muss die Hose ausgezogen und gereinigt werden. Elisa lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und nimmt folgendes Foto auf:

Nach der Pause opfert sich Hannah und trägt Phoebes Gepäck für die nächsten 3 Kilometer.
Danach wird es für ihren Rücken zu schwer. Überhaupt hatten wir uns extra dafür ausgesprochen, dass Hannah nichts, bzw. nur wenig trägt, da sie schon so Muskelprobleme und ein sich gerne ausrenkendes Becken hat.

Phoebe bekommt das Gepäck wieder auf.
Kurz bevor wir den Kanal verlassen, begegnen wir einem älteren Ehepaar auf E-Bikes. Beide sind begeistert von unserem Anblick und zeigen sich an unserer Wanderung sehr interessiert. Wir wandern mit neuer Motivation weiter und freuen uns über die bestätigenden Worte.
Die letzten Kilometer fühlen sich ewig an. Dann kommen wir endlich um Viertel nach 4 an, zwei jugendliche Mädchen schauen uns komisch an, ansonsten ist nichts los auf dem Hof. Niemand ist da. Die zuvor uns geschickte Nummer ist nicht erreichbar. Wir entscheiden uns dazu das Beste daraus zu machen und versorgen die Pferde mit Heu und Wasser. Anschließend setzen wir uns an einen Grillplatz, kochen uns unseren Fertig-Reis, die Pferde laufen frei herum und grasen während wir ankommen, den Tag sacken lassen und das Abendlicht genießen.


Plötzlich fährt ein Auto auf den Hof. Wir stehen auf, in der Erwartung endlich unsere Gastgeber kennenzulernen. Stattdessen stellt sich heraus, dass das aussteigende Pärchen Überraschungsbesucher sind, die auch auf der Suche nach den Hofbesitzern sind.
Sie erzählen uns von dem tollen Reitplatz, wohin wir nach unserer Mahlzeit mit beiden Pferden gehen um diese sich dort wälzen zu lassen. Dabei wird Elisa von der Frau gefilmt, die ganz baff ist, dass ihr Amica ohne Strick folgt „obwohl da Gras wächst“. Trotz langjähriger Pferdeerfahrung scheint sie so eine Bodenarbeit für gar nicht möglich zu halten. Elisa läuft unterdessen mit beiden Pferden auf dem Platz. Alle sind vom Sonnenlicht ganz beflügelt, die vorigen 20 km sind vergessen.
Spontan setzt sie sich auch auf Amicas Rücken, Phoebe folgt dem Paar wie ein Fohlen und Hannah fängt den Moment, der ihr wie im Fotohimmel erscheint, ein:









Wir geben die Warterei auf, bringen die Pferde in ihre Boxen, versorgen sie mit Heu. Schlagen anschließend unser Lager in der Stallgasse vor den Boxen auf. 5 Minuten nachdem Elisa das Licht ausgemacht hat, kommt endlich das richtige Auto auf den Hof gefahren. In letzter Sekunde bekommen wir doch noch die Möglichkeit auf die Toilette zu gehen, Zähne zu putzen und unsere Trinkflaschen aufzufüllen.

Gegen 23 Uhr ist Ruhe eingekehrt. Nur das Knuspern der Pferde ist noch zu hören. Phoebe ist überraschend ruhig, wenn auch nicht ganz so entspannt wie Amica.
TAG 2
„Ihr seid doch verrückt!“
Ladbergen – Hörstel Bevergern
26,6 km
Elisa hat ihre schlimmste Nacht gleich zu Anfang der Wanderung verbracht. Gleich nachdem sie Hannah darüber belehrt, dass zu dieser Jahreszeit und tiefer Temperatur ganz sicher keine Mücken mehr fliegen werden, besucht sie ein ganzer Mückenschwarm und überzeugt sie vom Gegenteil. Hannah bekommt von all dem nichts mit. Ihr größter Feind ist die Kälte. Deswegen vermümmelt sie sich ganz tief in den Schlafsack und kommt so den Mücken davon. Morgens wird sie von Elisas Wecker geweckt, der langsam immer lauter wird und sie laut schimpfend aufzwingt, sie weigert sich allerdings ihren Schlafsack zu verlassen und hüpft somit zum Wecker und bemerkt zu ihrem Schrecken, dass Elisa nicht mehr da ist. Elisa sitzt zu diesem Zeitpunkt nämlich schon aufm Klo. Die frische Luft muntert uns auf und treibt uns zum Packen.
Die Hofbesitzer laufen an uns vorbei, als würden wir nicht existieren, kassieren ab und verabschieden sich nicht mal mehr. Wir fühlen uns wie in einer anderen Welt und sind froh, als wir schließlich wieder unterwegs sind.
An diesem Tag verrutscht der Packsack gleich zweimal. Dennoch geht es Phoebe nach dem Wechsel ihrer Satteldecke merklich besser und auch ihre panische Reaktion nimmt ab. Sie hat gelernt, dass wir gleich zu Stelle sind und ihr helfen sobald der Sack ins Rutschen kommt. Hannahs Muskeln verkrampfen sich gehäuft, wir müssen viele Pausen machen, in der sie Dehnübungen macht. Die Strecke fängt an sich zu ziehen. Es werden Brücken gezählt, nach 7 soll es endlich weg vom Kanal gehen, wir können es nicht mehr erwarten. Der Weg ist fast nur geradeaus und eintönig. Spannend wird es nur durch vorbeifahrende Schiffe und einem Hafengelände auf der anderen Kanalseite. Der Himmel ist wolkenlos, die Bäume am Rand tragen gegen die Sonne nur wenig zur Abhilfe bei. So schlägt Hannah schließlich vor in der großen Pause im Kanal schwimmen zu gehen. Der Vorschlag trifft zunächst auf Skepsis und wird im Nachhinein als „glorreich“ bezeichnet. Das Bad tut uns beiden sehr gut. Leider mussten wir uns mit dem Festhalten der Pferde abwechseln, sodass es von dem ersten Kanalbad Elisas keinen Beweis gibt.


Der Kanal hat uns zwar neue Energie gegeben, jedoch befinden wir uns nicht mal bei der Hälfte unserer Tagesetappe und unsere Kräfte schwinden langsam. Dementsprechend ist die Motivation wenig groß aber wir laufen weiter und stellen uns der Herausforderung.

Endlich erreichen wir unsere „Abfahrt“ und finden gleich darauf einen „Raiffeisen-Markt“, unter anderem mit Reitsportartikeln. Hannah geht hinein und kauft einen Sattelgurtschoner für Phoebe sowie eine Packung Leckerchen zur Stoffwechselaktivierung. Als sie zurück kommt unterhält sich Elisa wieder mit Interessierten.
Wir gehen weiter, kommen in ein Wohngebiet. Ein Mann im Auto fährt vorbei und grinst uns breit an. Später begegnen wir ihm wieder: Er steht an der Haustür und ruft seine Frau zu sich um ihr uns zu zeigen. Uns wird eine gute Reise gewünscht. Je weiter wir in das Wohngebiet vordringen, desto größer wird die Kinderschar, die uns folgt. Zuerst ist es nur ein Junge auf seinem Fahrrad, dann immer mehr. Es stellt sich als großes Glück heraus, denn unsere Wander-App schickt uns auf einen Fußgängerweg, der zu schmal für unsere dick bepackten Pferde ist. Der Junge führt uns hilfsbereit durch den Garten eines Mehrfamilienhauses, jetzt folgen uns etwa 20 Kinder und ein Vater. Zum Dank dürfen sie unsere Pferde streicheln. Wir sind uns sicher für das ein oder andere Abendbrotgespräch gesorgt zu haben.
Endlich wieder auf dem richtigen Weg, geht es ein Stück die Landstraße entlang bis in einen Wald, der an einem Schloss vorbei führt. Der Wald wirkt bezaubernd, die Muskel- und Fußschmerzen sind verdrängt. Das Schloss liegt inmitten eines Teichs mit Seerosen und Enten. Außer uns ist niemand dort.


Es dämmert langsam, wir laufen aus dem Wald über Feldwege und erreichen schließlich gegen 19 Uhr den Hof, wo uns die ganze Familie draußen empfängt. Die Pferde werden abgepackt und kommen auf eine große Weide. Dazu wird ihnen von einem der Söhne Heu gebracht. Wir dürfen im vorgewärmten Reiterstübchen übernachten. Alle vier fühlen sich sehr wohl. Es ist kein Vergleich zu unserer vorigen Unterkunft.
Wir bestellen uns abends Pizza, dürfen uns zwei Freigetränke nehmen und lassen den Abend mit einem Skipbo-Duell ausklingen.

Elisa kommt noch in den Genuss warmen Wassers. Bevor Hannah das Waschbecken erreicht, wird uns mitgeteilt, dass es ein wiederholtes Wasserproblem gibt und bis morgen mit keinem fließenden zu rechnen ist. Uns wird Mineralwasser ausgeteilt, dann gehen wir schlafen.

TAG 3
„An die Nordsee? Da habt ihr aber noch einiges vor euch!“
Hörstel Bevergern – Hopsten Schale
23,3 km
Wir stehen extra früh auf um heute nicht ganz so spät anzukommen. Das Ziel ist Hopsten Schale, wo die Patentante von Elisa uns empfängt.

Das Wasserproblem ist immer noch nicht gelöst, sodass uns nichts anderes übrig bleibt als unsere Wasserflaschen mit dem Sprudelwasser zu füllen und auch die Zähne damit zu putzen. Hannah sortiert ihre Taschen neu und findet die fast leere Bananenshake-Flasche. Nach kurzer Überlegung spült sie diese mit dem Sprudelwasser aus. Elisa putzt unterdessen die Pferde draußen als plötzlich eine Wasser-Shake-Mischung aus einem Rohr aus der Wand auf die Wiese gespritzt wird. ? -> ! -> 😀
Wir machen die Pferde zu Ende fertig, unterhalten uns noch mit einigen frühen Einstallern sowie dem Vater unserer Gastfamilie, der Hannah wegen der Kamera in ihrer Hand, fragt, ob wir einen Blog führen (und uns somit erst auf die Idee bringt Fotos und Tagebucheinträge zusammenzuführen und für ein breiteres Publikum zu veröffentlichen) und laufen schließlich los.
Nach einem kurzen Stück Feldweg, laufen wir länger an einer Hauptstraße entlang durch Bevergern und statten dem Bäcker einen Besuch ab. Wie es die Tradition verlangt, hält Elisa die Pferde und Hannah geht rein um Frühstückslaugenstangen oder Ähnliches für unterwegs zu kaufen. Beim Verlassen des Bäckers kommt ihr der Gedanke einfach so, wie die anderen Kunden, die Straße entlang zu verschwinden oder in ein Auto einzusteigen. Sie erwischt sich beim Zögern und geht dann schließlich doch zu den drei Freaks, die in der Ecke auf dem Parkplatz stehen. Im selben Moment freut sie sich, dass die drei nur auf sie warten und ausgerechnet sie dieses außergewöhnliche Abenteuer machen darf und alle anderen ihrem normalen Alltag nachgehen.

Hannah beklagt sich über Beckenschmerzen. Tatsächlich kommen wir in Hörstel an einer Praxis für Physiotherapie vorbei. Wir gucken uns kurz an, Hannah gibt Phoebes Führstrick an Elisa und geht wortlos hinein. Die Therapeuten vor Ort sind ganz begeistert als sie von der Tour hören und als Beweis Elisa mit den zwei Damen draußen stehen sehen aber können Hannah leider auch nicht helfen, da sie partout keine Zeit haben. Erst in 2 Stunden hat eine Angestellte Pause und würde diese für Hannah opfern. Diese lehnt das großzügige Angebot ab. Ihr wird ein Arzt weiterempfohlen, der auf dem Weg liegt.
Dort angekommen, wird sie darauf hingewiesen, dass ihre Bewegungsabläufe noch normal aussehen, dass es deswegen nichts zu behandeln gibt und sie offensichtlich keinen Bandscheibenvorfall hat. Nicht, dass sie das nicht vorher schon wusste und ihm genau gesagt hat, dass nur das Becken schief steht…
Frustriert verlässt sie die Praxis und ärgert sich darüber für das Gespräch insgesamt eine halbe Stunde Zeit verloren zu haben. Elisa musste während der ganzen Zeit beide Pferde bespaßen ohne dass sich die beiden Stricke verknoten – keine leichte Sache! Unsere Laune ist zu diesem Zeitpunkt auf Rekordtief. Zu allem Überfluss führen die nächsten Kilometer nur geradeaus an einer Landstraße entlang. Phoebe läuft sehr langsam, vermutlich hat sie Muskelkater, Hannah macht sich Sorgen um sie. Das Gepäck wird noch einmal abgenommen und umgepackt. Bei Hannah beginnt eine Art Trance, sie erinnert sich im Nachhinein an die folgenden Kilometern nicht mehr, auch weil dieser Tag schmerztechnisch am intensivsten war. Elisas Laune bessert sich hingegen regelmäßig, ihr tut das dumpfe Laufen gut. Und dazu freut sie sich auf das Widersehen mit ihrer Patentante A. .
Der Vorteil daran an einer Landstraße entlang zu laufen, ist die regelmäßige Motivation und Freude die es bringt, wenn Motorrad-, Auto- oder LKW-Fahrer winken, die Faust oder den Daumen in die Höhe strecken oder uns einfach breit angrinsen und zunicken. Elisa, die kaum auf die Straße achtet, verpasst zu ihrem Verdruss den Großteil dieser Augenblicke..
Da wir nicht mehr am Kanal entlang laufen, haben wir auch keine ständige Wasserquelle mehr zum Füllen des Falteimers und Tränken der Pferde, sodass uns unterwegs nichts anderes übrig bleibt als bei einem Bauern anzufragen. Dieser zeigt sich als sehr verständnisvoll und nett und füllt den Eimer bis bei beiden Damen der Durst gestillt ist.
Nach dem Passieren von Hopsten, sprechen wir uns einstimmig für eine große Pause auf dem nächsten Wiesenstück aus. Jedoch lässt dieses auf sich warten, Hopsten gibt sich als sehr landwirtschaftlich geprägt zu erkennen. Schließlich einigen wir uns für den Wegrand zwischen Maisfeldern und verbringen dort eine Pause, in der wir uns der Albernheit hingeben.


Sowohl physisch als auch psychisch tat uns allen diese Pause besonders gut.
Es geht auf die letzten Kilometer, der Endspurt nach Schale!
Bei unserer Ankunft in Schale, man sieht A. schon aus der Ferne an der Straße warten, wird uns erzählt, dass wir im Dorf schon von mehreren zuvor an uns vorbeigefahrenen Bewohnern, angekündigt wurden. Wir sind sehr erleichtert endlich angekommen zu sein, es ist etwa 16 Uhr. Wir laden all unser Gepäck an ihrem Haus ab und führen die Pferde anschließend die Straße weiter runter zu den Nachbarn, die zu unserem Glück einen schönen Paddock frei gemacht haben. Es gibt dazu ordentlich Heu und frisches Wasser, die Pferde sind sogleich entspannt.




Bei A. Zuhause werden wir mit zutrinken versorgt, Elisa geht duschen, Hannah verfällt in ein unfreiwilliges Nickerchen im Gästezimmer. Das Spüren einer Matratze plus die Erschöpfung der letzten Tage tuen ihr Übriges. Danach geht auch sie duschen und erlebt eine Wiedergeburt. A. sitzt wenig später mit zwei frischgeborenen Wanderinnen am reich gedeckten Gartentisch. Zum Essen wird sich etwas Wein gegönnt. Der Appetit lässt nur noch eine kleine Restportion übrig, es wurde fast alles aufgegessen. Im Nachhinein bleibt uns dieser Sommerabend mit Stimmung und Atmosphäre, dazu das gute Essen und die tiefe Unterhaltung als eine ganz besonders schöne Erinnerung im Kopf. Vor allem der Besuch eines kleinen Katzenwelpens erfreut uns.
Wir gehen ein letztes Mal zu den Pferden, füllen das Heu nach und picheln uns vorm Schlafengehen noch einen Hubi . Das Einschlafen ging, soweit unsere Erinnerung es zulässt, noch nie so schnell.
TAG 4
„Alfred, die wollen ans Meer“ – „Ach, du lieber Gott“
Hopsten Schale – Wettrup
23,9 km
Der Regen war schon am Vortag angekündigt und trotzdem sind wir überrascht, als es dann tatsächlich, kurz vor Start, anfängt zu nieseln.
Hannah darf ausnahmsweise „ausschlafen“ und Elisa geht nach dem Aufwachen zu den Pferden um nach dem Rechten zu sehen. Als sie dort ankommt, juckt sich Phoebe schon fleißig ihr Hinterteil an einer zwecks dafür installierten Bürste. Amica frisst Heu, beiden scheint es bestens zu gehen. Danach läuft Elisa zurück und hilft den Frühstückstisch zu decken. Es folgt ein ausgiebiges Frühstück mit Brötchen und allem was dazu gehört. Wir sprechen mit A. über Hannahs gesundheitlichen Probleme, sie erzählt von einer Physiotherapeutin, die sie kennt aber nur in Notfällen kontaktieren würde, da sie ein Stück entfernt wohnt. Hannah lehnt ab, so schlimm ist es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Anschließend packen wir unsere Sachen zusammen, unter anderem unsere frisch gewaschene Kleidung und gekochte Eier für unterwegs, und fahren alles zum Stall. Als Hannah Phoebe raus holt und sie in die Stallgasse führt, um sie dort im Trockenen fertig zu machen, ist sie ungewöhnlich unruhig. Amica hingegen ist die Ruhe selbst. Phoebe pinkelt schließlich mitten auf die Stallgasse, hinterlässt also zu unserem Leid noch einen großen See bevor wir los kommen. Es kommen zum ersten (und letzten Mal) die Planen zum Einsatz, die als Regenschutz um das Gepäck gewickelt werden. Dann geht es endlich los, wir haben etwa 11 Uhr.

Wir kommen nicht mal bis zur Hauptstraße, da hält neben uns ein Auto. Wobei es nicht anhält, sondern im Schrittempo uns begleitet. Das Fenster wird runtergefahren und eine Frau, mit Kind auf dem Schoß, spricht uns an. Nein, sie spricht nicht zu uns, sie führt ein Kreuzverhör: „Pilgert ihr nach Santiago de Compostela?, Wohin lauft ihr heute?, Woher seid ihr…“ Wir erklären unsere Reise ohne Zeit zu haben über unsere Antworten nachzudenken. M. ist begeistert und lädt uns zu sich nach Herzlake ein. Wir tauschen Nummern aus und versprechen nachzusehen, ob das auf unserer Route liegt.
Wir treffen A. vor ihrem Haus, sie begleitet uns noch bis zum Hofladen und traut ihren Ohren nicht, als wir von unserer kürzlichen Begegnung erzählen. Bei der Frau handelt es sich um die besagte Physiotherapeutin! Wir können unser Glück kaum fassen und haben, trotz Dauerregen, beste Laune. Nach der Verabschiedung von A., führt uns unser Weg in die Felder. Es werden, wie schon an den Vortagen, Äpfel von Bäumen geklaut und die Qualität bewertet. Wir sind unbeschwert und reden über Gott und die Welt. Dass unsere Klamotten nach und nach durchweichen, insbesondere die Füße nass werden, weil wir uns dummerweise gegen Regenhosen entschieden haben und der Regen von oben in die Schuhe läuft, stört uns wenig. Es ist warm und uns geht es gut.
Wir überqueren die niedersächsische Grenze (bemerkt wird das durch das rote Wappen auf den Autokennzeichen) und kommen nach Freren, Hannah holt uns das beste Brötchen der ganzen Wanderung.. Oder vielleicht war es nur so gut wegen unserer Stimmung? Der Regen hört auf, wir laufen durch Wald und begegnen keiner Menschenseele. Nur ein paar Stuten mit Fohlen begrüßen uns von ihrer Wiese aus.



Als nächstes machen wir eine Rast mit gravierenden Folgen. Für ein Maisfeld kommt jede Hilfe zu spät: Amica verbeißt sich in die Kolben, Phoebe nötigt die Pflanzen zu einer Po-Massage, natürlich nur zu ihren eigenen Vorteilen. Es kommt zu Toten. Das Geschehen geht als sogenanntes „Maisfeldmassaker“ in die Geschichte der Wanderung ein.
Es geht weiter, vor uns liegen die letzten 6 Kilometer. Wir freuen uns schon, es ist der letzte Halt jener Höfe, die wir uns extra zuvor über Google Maps rausgesucht und vorher angerufen haben. Beim Telefonieren klang der Mann auf der anderen Seite der Leitung sehr nett. Auf den letzten 1000 Metern fängt es erneut an zu regnen, ein richtiger Schauer, der uns komplett nass macht. Wir flüchten in die erste Stallgasse, die wir sehen. Der Hof entpuppt sich als riesige Anlage, die Pferde unpersönlich und industriell gehalten. Wir fühlen uns wie in einer Schweinemastanlage, nur mit Pferden. Eine Arbeiterin kommt vorbei aber weiß von nichts und holt jemand anderes. Es dauert. Schließlich werden wir in einen anderen Stall geführt. Phoebe ist sehr aufgeregt, auch als sie schon in ihrer frischen Box mit Heu steht. Vielleicht spürt sie auch einfach, dass wir uns beide überhaupt nicht wohl fühlen und enttäuscht sind. Während Elisa telefoniert, Tagebuch führt und schließlich unsere weitere Route plant und mit M. schreibt, schaut sich Hannah die übrigen Pferde im Stall an. Es sind so viele, dass klar ist, dass sie wohl kaum auf die Weide kommen sondern den Großteil ihrer Zeit in den Boxen oder Laufställen stehen. Die Pferde sind teils auch Einstaller, alle Größen, Rassen und Altersklassen sind vertreten. Wir fragen uns, welche Menschen hier ihre Pferde hin bringen und versprechen danach unseren umso eindringlicher, dass sie nur diese eine Nacht hier bleiben müssen. Da Phoebe etwas Sattelgurtdruck hat, schmiert Hannah ganz nach dem Motto: Kann ja nicht schaden, Creme auf die betroffenen Stellen. Später kommt ein Pfleger, füttert alle Pferde und stellt fest, dass eines der Tiere eine Kolik hat. Er will später wieder kommen. Als wir zur entsprechenden Box gehen, liegt das Pferd apathisch und rührt sich nicht. Auch nicht, als wir die Tür öffnen und uns zu ihm setzen und ihn streicheln. Es vergehen Stunden bis der Pfleger wiederkommt und schließlich einen Tierarzt ruft. Er führt den Wallach hinaus und kommt nicht mehr zurück. Wir fühlen uns schrecklich dem Pferd nicht geholfen zu haben aber unser Vorschlag ihn herum zu führen wurde zuvor abgelehnt.

Wir bekommen die Erlaubnis auf einem Strohballen neben den Boxen schlafen zu dürfen. Hier werden die zwei Woilachs ausgepackt, darauf direkt die Schlafsäcke, es ist sehr gemütlich.
In Gedanken an das Pferd gehen wir schlafen.
TAG 5
„Wir kommen aus Münster.“ – „Donnerwetter!“
Wettrup – Herzlake – Lähden
23,1 km
Wir stehen früh, um 6 Uhr, auf, um den verbleibenden Aufenthalt so kurz wie möglich zu halten. Da wir mit dem Woilachs geschlafen haben, muss die Packtasche von Phoebe wieder komplett neu gepackt werden. Die Woilachs liegen nämlich in der Tasche so, dass sie zu Phoebes Satteldecke zeigen und diese vom restlichen Prüll trennt, um so die Druckfläche auf Phoebes Rücken so regelmäßig wie möglich zu halten. Auch wird etwa mittig ein rotes Seil gezogen, sodass die Wirbelsäule sich möglichst frei bewegen kann. Dafür muss die Tasche vom Gewicht her in zwei Hälften geteilt werden. Gar nicht so einfach, wenn man darin noch nicht so viel Übung hat. Elisa putzt die Pferde drüber. Als Hannah schließlich mit dem Packen fertig ist, geht sie zu Phoebe in die Box und will ihr den Longiergurt anlegen, an den am Ende die große Packtasche sowie auf jeder Seite jeweils ein wasserdichter Segelsack befestigt werden. Dabei fällt ihr jedoch eine starke Schwellung am Bauch auf. Darüber hinaus scheint Phoebe Schmerzen zu haben, sie zieht bei jeglicher Berührung an der Schwellung den Bauch sichtbar ein. Da sie dieselbe Reaktion auch an einer Stelle am Genick zeigt, die Hannah am Vorabend ebenfalls eingecremt hat, ist schnell klar, dass es sich hier um eine allergische Reaktion auf den Wirkstoff in der Creme handeln muss. Ärgerlich aber nichts dran zu ändern: Phoebe kann nicht nachgegurtet werden und somit auch kein Gewicht tragen. Es bleibt keine andere Wahl als dass Hannah alles in die große Tasche packt und diese selbst trägt. Das Gepäck mit der restlichen Ausrüstung, unter anderem auch die Kamera, bringen ein geschätztes Gewicht von immerhin 15 kg auf die Waage.
Ohne ein weiteres Wort zu den Menschen vor Ort, verlassen wir den Hof gegen 8 Uhr und machen uns auf den Weg zu M. nach Herzlake. Dort ist eine Pause vorgesehen, bevor wir weiter nach Lähden zu einem Übernachtungsmöglichkeit laufen, die uns M. durch ihre Kontakte organisiert hat.
Hannah nimmt ihr Schicksal an, sie sieht keine andere Wahl aber realisiert schon zu Beginn der Tagesetappe, dass es sich um einen sehr schweren Tag handeln würde. Umso wichtiger war es in dem Moment für uns nicht allzu viele Pausen zu machen sondern die Strecke bis nach Herzlake, bis zu unserem Zwischenstopp, hinter uns zu bringen. Und dies gelingt uns auch ganz gut. In Dohren machen wir eine kleine Pause, kaufen uns ein Zwiebel-, ein Käse- und ein Apfelzimtbrötchen (allesamt weiterzuempfehlen, sehr lecker!). Plötzlich hält ein Mofa-Fahrer an, steigt ab, holt zwei harte Brotscheiben hervor und tut so, als ob er diese fast zufällig dabei hätte. Dabei erklärt er, uns eben gesehen zu haben und danach hatte ihn wohl seine Neugierde so sehr gepackt, dass er uns hinterher gefahren ist bis er uns gefunden hat. Wir erklären ihm von unserer Reise, er wünscht uns viel Glück und düst, nachdem die Brotscheiben verfüttert hat, wieder davon.

Er ist nicht der einzige Interessent. Auf der benachbarten Wiese werden wir, bzw. unsere Damen, von einem sehr ambitionierten und gesprächigen Shetland-Hengst begrüßt. Immer wieder schrillt während unserer Pause sein Wiehern.
Hannahs Laune nimmt immer weiter ab, mehrere Kilometer vor unserem Ziel realisiert sie am Ende ihrer Kräfte zu sein und auf Kosten ihres Körpers weiter zu machen. Aber wir geben nicht auf und erreichen endlich Herzlake. Jetzt ist es nicht mehr weit! Das einzige Haus in besagter Straße ist schnell gefunden, das Gepäck wird abgeladen, dann werden wir von M. und ihrer Tochter begrüßt. Wir bringen Phoebe und Amica in den Stall. Phoebe ist so aufgedreht, dass Hannah sie auf die kurze Hofführung mitnimmt.



Danach stellen wir sie in eine Box mit Heu, davor steht Amica, ebenfalls mit Heu. Wir lassen die Pferde so stehen, im Wissen, dass Phoebe sich mit der Zeit beruhigen wird und gehen über zu unserer physiotherapeutischen Behandlung. Mit dem Becken kennt sich M. leider auch nicht so gut aus aber mit zwei geübten Handgriffen sind bei Hannah alle Wirbel wieder am rechten Platz. Die Rückenschmerzen sind ab da passé, das Becken wird etwa auf selbem Niveau weiter schmerzen aber nicht schlimmer und dadurch erträglich. Auch Elisas Wirbel werden eingerenkt. Wir fühlen uns schon deutlich besser. Als nächstes werden Hände gewaschen und wir bekommen einen Platz am Mittagstisch mit der ganzen Familie (hier hört man schon einen friesischen Dialekt.. wir freuen uns!). Es tut gut was Warmes zu essen, zu reden, die Pause richtig genießen zu können.
Wir kommen frisch gestärkt in den Stall zurück. Spontan entscheidet M., nachdem sie von unserem Creme-Malheur gehört hat, unser Gepäck mit dem Pferdetransporter zu unserem Tagesziel nach Lähden zu fahren. Wir sind sehr froh darum, auch Amicas Gepäck lassen wir zurück. Einzig den Rucksack von Elisa nehmen wir mit.
Dass uns fremde Menschen so viel Hilfe anbieten und dies auch noch mit einer Selbstverständlichkeit als wäre es das Normalste auf der Welt, freut uns enorm und erfüllt uns gleichzeitig mit größter Dankbarkeit.
Das Stück nach Lähden kommt uns ganz locker-flockig vor, kein Vergleich zu den vorigen 14 km. Wir quatschen über Lebenseinstellungen, Wünsche und Ziele. Wir kommen wieder in einen Wald, haben einfach gute Laune. Hannah setzt sich sogar auf Phoebes Rücken. Anmerkung: Eigentlich sind wir die ganze Wanderung ausschließlich gelaufen. Da Hannah aber zuvor mit der schweren Tasche eine besondere Leistung erbracht hat, haben wir hier für etwa 3 km eine Ausnahme gemacht. 🙂
Dass Phoebe erst angeritten ist und noch keine Kommandos von oben kennt, macht den „Ritt“ umso lustiger. Immer wieder hält sie an, frisst etwas und trabt dann kurzerhand wieder auf. Manchmal überholt sie auch Amica, man merkt, dass auch die beiden Damen Spaß haben. Zu diesem Zeitpunkt haben wir die Schmerzen von vor ein paar Stunden fast wieder vergessen.







Wir erreichen den Hof, der direkt am Wald angrenzt und bekommen gleich zwei nebeneinander liegende Boxen zugeteilt, sowie für uns eine sehr schöne Ferienwohnung präsentiert. Sogar mit Dusche und eigenem Bett! Normalerweise auch für uns ganz normal aber in diesem Moment purer Luxus. Die 40€ pro Person (inkl. Box) geben wir gerne aus. Elisa kocht sich als erstes einen Kaffee, Hannah genießt einen heißen Tee.
Dann kommt schließlich auch unsere Lieferung: M. kommt mit Begleitung (?) und ihrer Tochter im Pferdetransporter und bringt unsere Sachen. Ihr Freund, sowie der Mann von A. verschwinden in den Stall. Es werden zwei Hengste vorgestellt und sich in tiefere Gespräche über Zucht und Ausbildung verloren. Offenbar hatten beide Familien schon länger keinen engeren Kontakt mehr. Nicht ganz uneigennützig erfreuen wir uns daran, dass unsere Wanderung sich auch auf andere positiv auswirkt und Freundschaften wiederbelebt werden. Hannah vertraut M. auch die Begutachtung Phoebes Hufen an. Diese läuft Barhuf, hat also keinerlei Schutz vor Abrieb zwischen ihrem Huf und dem Untergrund. Aber M. empfindet die Hufe noch als gut aussehend und rät Hannah von ihrer Duplo-Idee ab. Solange die Hufe sich nicht warm anfühlen und keinerlei Pulsation aufweisen, ist alles in Ordnung.
Später fahren wir mit A., der Hofbesitzerin in einen Laden um unseren zur Neige gehenden Proviant wieder aufzufüllen. Jetzt, wo unsere ganzen Klamotten da sind, gehen wir nacheinander duschen und fühlen uns erneut dadurch wie wiederbelebt. Es wird gekocht. Hannah holt von unten Eier, die sie in ihre Pyjamahose sammelt. Beim Auspacken fällt ihr eines beinahe runter. Sie fängt es zwar auf aber geht dabei zu forsch ran, die dünne Schale zerbricht und der Inhalt ergießt sich auf die frisch geduschte und eingekleidete Hannah. Elisa hat natürlich, einfühlsam wie immer, einen Lachanfall..
Wir beginnen unseren kürzlich eingekauften Proviant zu reduzieren, spielen noch Skipbo und gehen bald schlafen.
Unter einer richtigen Bettdecke.

TAG 6
„Wir sind in Münster gestartet.“ – „Ne…, das glaub ich nicht!“
Lähden – Börger
23,9 km
Der Tag startet erneut um 6 Uhr. Speziell der Besitz einer Bettdecke und einer Matratze und der vorhergegangenen Dusche lässt uns die Nacht mit „einfach geil“ bewerten.

Wir sind erholt und bereit für die nächste Etappe. Zum Frühstück werden die am Vortag gekauften Aufbackbrötchen mit gebratenen Spiegeleiern vertilgt. Die anderen Eier, die den Transport in Hannahs Hose überlebt haben, werden gekocht und eingepackt. Nachdem wir alles gepackt haben, gehen wir runter zu den Pferden und stellen fest, dass diese gerade gefüttert werden und wir dementsprechend noch etwas Zeit haben. Wir spielen eine Runde Billiard. Hannah kickt die schwarze Kugel ins falsche Loch, Elisa gewinnt.
Wir gehen erneut runter und machen die Pferde auf der Stallgasse fertig. Phoebes Satteldruck-Stellen sehen deutlich besser aus. Da sie auch nicht mehr so empfindlich reagiert, beschließen wir den Longiergurt anzulegen und sie zu bepacken.

Wir verabschieden uns und laufen los. Es geht zunächst einmal quer durch Lähden und dann eine Landstraße entlang. Unterwegs schmeißt Elisa noch eine Postkarte ein. Dann laufen wir ein ganzes Stück parallel zu einer Landstraße. Der Weg ist, trotz dem Asphalt, ganz schön, zur Straße hin abgegrenzt durch Gebüsch und Bäume.
In Hüven gibt’s zur Motivation einen Hüvener Hüpf:


Nach etwa der Hälfte der Strecke wollen wir eine Pause machen und nehmen dafür die nächste Grünfläche. Die liegt an einer großen Kreuzung. Zwar mit saftigem Grün aber sehr unruhig durch die vielen LKWs und starkem Verkehr.






Wir gehen weiter, überqueren die große Straße und kommen auf einen aufwendig gepflasterten Weg. Wir können unseren Augen kaum trauen als wir an einem wunderschönen Weiher rauskommen. Die Pferde werden getränkt und die Kamera erneut gezückt:




Wir ärgern uns ein bisschen die große Pause schon vorher gemacht zu haben aber konnten nicht ahnen, dass es so kurze Zeit später es noch viel schöner werden würde. Wir gehen weiter, direkt auf ein kleines Schloss zu, dass das Zentrum mehrerer darauf zentrierte Alleen bildet. Wir wechseln die Allee, das Schloss nun in unserem Rücken liegend und kommen in einen Wald. Zu unseren Füßen Sand und die Luft klar, wir treffen für die nächsten Stunden niemanden mehr, kommen auf einen Pilgerweg. Einfach wunderschön hier.

Es dauert nicht lange, da machen wir einen erneuten Zwischenstopp, uns gefällt es so sehr das wir nicht weitergehen können ohne vorher noch einige Momente einzufangen…







Wir kommen an einer abgezäunten Heide vorbei, wo Schafe mit einem Schutzherdenhund „Määhharbeiten“ durchführen. Wir setzen uns an einen kleinen Picknicktisch. Die beiden Pferde fressen zunächst ein bisschen am Wegrand bevor sie in einen tieferen Schlaf verfallen. Wir freuen uns über ihre Entspannung, schließlich drückt dies auch ihr Vertrauen aus – oder ihre Erschöpfung. Elisa geht in die Büsche um sich zu erleichtern, danach tauschen wir. Statt sich aber die Mühe zu machen ins Unterholz zu klettern, hockt Hannah sich einfach an den Wegrand. Just in dem Moment fährt ein Fahrradfahrer an uns vorbei. Die erste Person seit Stunden und dann in der unpassendsten Situation! Man sieht ihm an, wie er zögert, eigentlich anhalten möchte, dann Hannah erblickt und sich entschließt weiter zu fahren..
Wir setzen uns an den Tisch, packen unser Proviant aus. Insbesondere Doppelkekse stehen seit Beginn der Wanderung ganz hoch im Kurs. Hannah entdeckt ein Gästebuch, das am Tisch befestigt ist. Sie hinterlässt einen Gruß inklusive kleiner Zeichnung von uns vieren. Währenddessen steckt Elisa Kekskrümel in die hängende Unterlippe von Amica.






Uns tuen zunehmend die Füße weh. Dazu kommen Blasen, die sich nun bemerkbar machen. Bei uns beiden hat sich an derselben Stelle, nämlich unter dem kleinen rechten Zeh, eine besonders intensiv ausgebildet. Nach jeder noch so kurzen Gehpause humpeln wir beide für 50 Meter bis sich der Schmerz langsam wieder ignorieren lässt. So sind wir jedenfalls froh, als sich der Kirchturm von Börger, unserem Zieldorf, hinter einem Maisfeld ausmachen lässt. Das nächste Problem das sich stellt ist die Frage nach unserer Unterkunft. Wir hatten den nächst größeren Reitstall telefonisch nicht erreichen können und es bleibt uns nichts anderes übrig als Menschen anzusprechen und die Häuser abzufragen.
Zu unserem Glück sehen wir gleich auf Anhieb in der ersten Straße die perfekte Wiese: Eine abgezäunte Koppel mit einigen Obstbäumen. Wir klingeln am Haus daneben. Eine Frau mit Kind öffnet die Tür, hat zwar selbst Pferde aber keinen Platz. Sie gibt uns den Hinweis, dass der Eigentümer der Wiese ein paar Häuser weiter wohnt. Der nächste Nachbar wirkt desinteressiert und genervt. Wir gehen weiter, eine Frau öffnet Hannah die Tür. Sie reagiert zunächst noch kühl, dann zunehmend interessiert und schließlich begeistert. Sie erklärt sich als Eigentümerin der Wiese und verspricht uns sich mit ihrem Mann abzusprechen. Wir sehen uns an, sind uns sicher hier aufgenommen zu werden und entspannen uns ein wenig. Es dauert nicht lange, da kommt der gesuchte Mann auf einem Trecker. Wir bekommen die Erlaubnis nur zögerlich. Der Grund ist die Angst vor einer Kolik, die Familie besitzt selbst auch ein Pferd, eine Haflingerstute. Wir können beide beruhigen indem wir die Wiese von den Obstbäumen mithilfe all unserer Gurte und Seile abtrennen und so verhindern, dass sich unsere beiden Pferde an Äpfeln oder Birnen überfressen können. Die Pferde freuen sich merklich als wir sie von ihrer Last befreien und sie die Wiese in Beschlag nehmen dürfen. Dazu bekommen wir netterweise einen Eimer Wasser vom Sohn gebracht.
Wir werden gefragt wo wir schlafen. Hannah deutet auf die Wiese und erklärt, dass wir zwar kein Zelt aber Planen, Decken, Isomatte und Schlafsack dabei haben. Die Frau, C., sieht bestürzt aus und denkt nach. Wir sehen, wie sich die Familie berät und uns schließlich in den Partyraum einlädt. Wir freuen uns sehr über das Upgrade: haben nun ein Dach über den Kopf und sogar eine Toilette. Wir räumen unsere Sachen hinein und setzen uns wieder zu den Pferden. Hannah untersucht ihre Blasen, Elisa führt die täglichen Dehnübungen mit Amica durch als schließlich C. erneut heraus kommt und uns zu einem Kaffee am nächsten Morgen einlädt.







Es wird langsam frisch, wir gehen rein, bauen unser Lager auf, kochen erneut unseren Fertig-Reis mit dem Camping-Kocher, spielen Skipbo und planen die morgige Route. Gegen 23 Uhr gehen wir schlafen.

TAG 7
„Aus Münster… ?!“ *erstauntes Schweigen*
Börger – Rhauderfehn
23,9km
Der Tag beginnt mit einem eingeladenen Frühstück. Das ist super super lecker! Brötchen, Eier und alles was das Herz begehrt. Und wir dürfen uns sogar ein Brötchen zum Mitnehmen schmieren. Wir klönen noch ein bisschen rum und kommen erst um 10 Uhr wirklich los. Zuerst geht es durchs Dorf. Weil heute die Kommunionen stattfinden, verzichten wir auf den Weg direkt an der Kirche vorbei und machen einen kleinen Umweg. Ein Mann sieht uns und fragt uns aus. Er ist sehr lustig, findet unsere Aktion „mega cool“ und wünscht uns viel Spaß. Wir freuen uns. Das heutige Ziel heißt, nach etwas Diskussion am Morgentisch, Klostermoor.

Zu Anfang laufen wir ein bisschen am Feld entlang, dann an einer Landstraße, unterwegs essen wir unsere köstlichen Brötchen. Wir biegen ab auf einen Sandweg und folgen diesem ewig lang nur geradeaus. Links und rechts sind Felder und Moorlandschaften.







Wir fühlen uns wie im Nirgendwo, in der Ferne sieht man Häuser aber weit und breit keine Menschen. Wir lösen Phoebes Strick. Der Weg ist zwar landschaftlich schön aber da es keinerlei Abwechslung gibt, auch dementsprechend sehr schlicht. Sowohl Hannah als auch die Pferde sind sehr gut drauf. Elisa hingegen hat starke Fußschmerzen, unter anderem wegen der Blasen. Für sie ist dieser Tag der schmerzintensivste. Wir machen zwischendurch eine Pause, es gibt Eier, Knäckebrot und Müsliriegel. Wir kommen an einer Schnellstraße aus, parallel fließt ein Kanal. Phoebe wird wieder angebunden. Wir tränken die Pferde und überqueren kurze Zeit später eine Brücke. Hier müssen wir leider auf Schritttempo abbremsen.. 😀



Um die Stimmung anzuheben, wird AnnenMayKantereit gehört. Uns kommt ein alter Mann mit Rollator entgegen. Wir müssen zweimal hinschauen: Er wird von einer Katze begleitet. Er freut sich ungefähr so sehr uns und die Pferde wie wir ihn zu sehen und streichelt Phoebe. Stolz erzählt er uns von seinen Enkeln. Zwei von ihnen studieren Agrarwissenschaften. Auf die Frage nach einem Hofladen oder Geschäft weiß er keine Antwort aber er schickt uns die Hauptstraße entlang in Richtung Klostermoor. Wir entdecken ein Schild eines Cafés, das mit Kuchen und Kaffee lockt. Der Pfeil zeiget sogar in unsere Laufrichtung. Nach einigen weiteren Laufkilometern ohne Erfolg und immer größer werdenden Fußschmerzen, beschließen wir die nächste Wiese als Pause zu nutzen.



Elisas Proviantsacks lässt die letzten Reste springen. Eine wilde Mischung aus Apfelmus, Eier und Schoki. Wir gehen weiter, biegen ab, treffen kurze Zeit später einen weiteren alten Mann, auch mit Rollator. Ihm folgt ein Hund. Er erklärt uns, dass wir lieber umdrehen sollten und einen anderen Weg laufen sollen. Dieser Weg führt nämlich in einen abgesperrten Bereich, eine Auto-Teststrecke. Wir folgen seinem Rat. Der Weg ist nun eine asphaltierte Straße, es gibt keinen Fußgängerweg, aber zum Glück nur mäßig Verkehr.
Elisas Laune kippt, die zusätzlichen Kilometer und die zunehmenden Schmerzen bringen sie heute an ihre Grenzen. Wir beschließen nicht mehr nach Klostermoor zu laufen sondern den nächsten Hof zu nehmen, den wir finden. Jedoch ist hier nur so wenig Zivilisation, kaum Häuser, alles sehr ländlich, sehr idyllisch, fast wie in einem Buch oder Film. Eben so, wie man sich das Leben auf dem Land vorstellt. Wir kommen an einem Hofladen in einem Bauwagen vorbei. Hannah geht hinein, kauft Kräuterbrot und Rhabarberkuchen im Glas, alles selbst gemacht. Das Geld schmeißt sie in einen kleinen Briefkasten. Wir gehen weiter. Sehen schließlich einige Pferde auf einer Wiese stehen, allerdings weit und breit keinen Stall.

Wir kommen in einen kleinen Ort und fragen, leicht verzweifelt, eine Passantin, ob sie Pferdemenschen, Menschen mit Pferden, kennt. Dazu gesellt sich ein Paar mit Fahrrädern. Sie bekommen unser Problem mit und bieten sofort ihre Hilfe an. Sie sagen, dass sie selbst Pferde haben und uns aufnehmen würden. Sie wohnen 10 km entfernt. Zu weit für uns in diesem Moment. Sie schlagen uns sogar vor uns mit einem Pferdeanhänger abzuholen. Wir sind sehr froh, tauschen Nummern aus und haben so schon mal einen Plan B falls wir tatsächlich keinen Hof vor Ort finden sollten. Die erste Passantin, die wir getroffen haben, hat inzwischen nachgedacht und erinnert sich an eine Engländerin mit Pferden, die die Straße weiter wohnt und sehr nett ist. Wir versuchen unser Glück, folgen der Wegbeschreibung, humpelnd und langsam und finden den kleinen Stall mit 5 Boxen vor. Es ist mittlerweile 17:30 Uhr. Die Besitzer denken nicht groß nach, wir werden gleich aufgenommen. Phoebe und Amica bekommen eine Wiese, wir wollen erst in einer der Boxen schlafen. Dann aber ruft der Stallbesitzer, ein Holländer, seine Frau, die Engländerin, die für 2 Wochen in Frankreich ist, an und diese stellt klar, dass wir im Gästezimmer übernachten dürfen. Wir sind überglücklich und sehr Erleichtert. Wir bekommen die 5 Pferde, 2 Hunde und einen ganzen Haufen Katzen vorgestellt und werden prompt zum Tee trinken in die Küche eingeladen. Wir packen unsere Sachen ins Gästezimmer, gehen nacheinander ins Bad. Elisa duscht sich zu einem neuen Menschen, Hannah nutzt den Luxus und badet ausgiebig. Anschließend gehen wir in die Kneipe nebenan. Dort wird ein Fußballspiel live übertragen. Mehrere junge Fans sind da, betrinken sich und grölen rum. Unsere Nerven werden nochmal strapaziert. Dann kommt aber unser Essen und uns geht es schon viel besser. Wir werden auf einen Schnaps eingeladen, verlassen danach die Kneipe und schauen nochmal bei den Pferden vorbei bevor wir zurück ins Haus gehen. An diesem Abend schaffen wir nichts mehr und fallen direkt ins Bett.

Unser heutiger Schlafplatz!
TAG 8
„Ihr lauft? Zu fuß?“
Rhauderfehn – Leer
23,2km
Hannah wacht auf, döst noch etwas länger im Bett. Elisa ist schon zu den Pferden aufgebrochen um nach dem Rechten zu sehen. Diese scheinen unruhig geschlafen zu haben. Umso besser haben wir geschlafen. Der Himmel ist wolkenlos, die Luft klar und frisch. Es riecht nach Herbst.
In der Küche warten Kaffee und Tee auf uns. K., die Einstallerin, kommt heute extra früher vorbei und bringt uns neben den von uns gewünschten Brötchen auch noch Donuts, Chips, Schokolade und Sprudelwasser mit, ein echtes Carepaket. Wir sind begeistert und sehr dankbar, auch weil heute Sonntag ist und wir nicht die Möglichkeit haben irgendwo unseren Proviant aufzufüllen. Wir packen unsere Sachen, schauen noch nach den frisch geborenen Katzenbabys. Dann macht K. kurz vor unserem Start noch ein Foto von uns um es auf Facebook in eine ostfriesische Facebook-Pferde-Gruppe zu schicken mit der Bitte uns bei Gelegenheit aufzunehmen. In der Tat werden wir an den darauffolgenden Tagen deswegen angesprochen.. Wir bedanken uns und machen uns vom Acker in Richtung Norden. Kurz hoffen wir, dass uns eine der Katzen, die besonders interessiert an uns und unseren Sachen war, als Maskottchen begleitet aber „Puma“ verschwindet kurz bevor wir los gehen.


Nach den ersten paar hundert Metern machen wir noch im Dorf auf einer Wiese Halt um zu frühstücken. Dabei werden die Donuts probiert und für perfekt empfunden. Wir gehen weiter, kommen irgendwann auf einen schön gepflasterten Weg und schließlich auf den „Weihnachtsmannweg“. Leider zu der falschen Jahreszeit..



Wir haben gute Laune und freuen uns, als wir als nächstes den Kuhweg sehen. In der Tat sind hier viele Kühe. Wir laufen geraden auf dem Gehweg einer größeren Straße, als uns von der anderen Straßenseite eine Frau anspricht und zuwinkt. Es dauert einen Moment, bis wir realisieren, dass es die Frau vom Vortag ist, die uns den Pferdetransport angeboten hat. Wir unterhalten uns kurz, dann gehen wir weiter bis wir ihren Mann einige hundert Meter später mit dem Auto treffen. Er hält neben uns an und lädt uns ein bei ihnen eine Pause einzulegen. Wir zögern kurz, lehnen schließlich ab weil wir ansonsten wieder hätten umdrehen müssen (am Ende haben wir diese Entscheidung sehr bereut).
Als wir die Häuserreihen in unserem Rücken haben, machen wir eine weitere Pause am Straßenrand und gönnen uns noch weitere Leckereien aus dem Carepaket. Die Pferde grasen frei. Ab und an kommt ein Auto vorbei, viele Fahrer freuen sich uns zu sehen. Wir gehen weiter, der Weg führt an der Straße entlang, nur geradeaus.





Im nächsten Dorf das wir erreichen, Backemoor, stehen mehrere Apfelbäume am Rand. Wir vier pflücken und probieren und sind begeistert! Das sind die besten Äpfel, die wir bis jetzt (und das waren viele) gegessen haben.

Die Straße nach dem Dorf hat keinen Fußgängerweg und führt nur geradeaus. Man kann mehrere Kilometer weit sehen und so auch minutenlang Autos erkennen, die in der Ferne auf uns zu oder von uns weg fahren. Gleichzeitig gewinnen wir durch diesen Effekt aber auch zunehmend das Gefühl nicht von der Stelle zu kommen. Darüber hinaus versucht Phoebe immer und immer wieder in der Mitte der Straße zu laufen. Es entbrannt eine Diskussion zwischen ihr und Hannah. Wir sind froh, als wir endlich nach links in einen Feldweg abbiegen können.




Wir treffen linker Hand auf eine Herde Kühe, die sich mehr über den Anblick der Pferde freut als andersherum. Phoebe wird ein letztes Mal los gemacht. Kurz bevor wir an unserem Ziel ankommen, treffen wir auf eine alte Damen mit ihrem Fahrrad. Auf dem Gepäckträger klemmt ein Stock. Sie erzählt uns (mit starkem ostfriesischem Dialekt), dass sie jeden Tag hier hin kommt um die Kühe hinein zu treiben und wie wichtig es ist an der frischen Luft zu sein weil man ansonsten schnell senil wird. Wir stimmen ihr zu und laufen die letzten Meter zum Stall, die Tammingaburg. Als wir ankommen sind wir enttäuscht: Es entpuppt sich hier keineswegs als eine Burg. Gleichzeitig freut es uns den ersten Deich am Straßenende zu sehen. Es handelt sich hier um einen relativ großen Stall, es dauert eine Weile bis uns eine verantwortliche Person zusagt und zwei Boxen zeigt. Wir bezahlen gleich die jeweils 15€, streuen die Boxen selbst mit Stroh ein und geben den Pferden großzügig Heu. Wir finden einen Schlafplatz in einer der Reiterstübchen und dürfen eine Sportmatte als Unterlage benutzen. Nachdem wir uns eingerichtet haben, starten wir mehrere Versuche Pizza zu bestellen. Da wir weit ab vom Schuss sind, ist es gar nicht so einfache einen Lieferanten zu finden, der bis zu uns fährt. Schließlich bestellen wir zwei Pizzen und eine Pommes (um den Mindestbestellwert zu erreichen). Noch bevor wir die Adresse angeben, wird uns gesagt, dass der Lieferant in 45 Minuten da ist. Zu diesem Zeitpunkt kommen schon die ersten Zweifel auf, ob wir heute Abend überhaupt irgendetwas Warmes zu essen bekommen.
Nach 45 Minuten gehen wir raus. Da weit und breit kein Lieferant ist, laufen wir zur Straße und haben die glorreiche Idee auf den Deich zu klettern. Dieser ist zur Straße hin von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Hannah drückt den Zaun mit der flachen Hand nach unten um dann darüber zu steigen. Plötzlich schreit sie auf, dreht sich wortlos um und geht: Sie hat einen üblen Stromschlag abbekommen und muss den Schrecken erstmal verarbeiten. Elisa bekommt einen heftigen Lachanfall, ihr laufen sogar die Tränen über die Wangen und auch jetzt lacht sie wieder darüber! Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lacht sie auch noch in Ewigkeiten.
Nach weiteren Telefonaten und Wartezeiten kommt endlich die sehnsüchtig erwartete Pizza und weniger sehnsüchtig erwartete Pommes an. Letzteres wird am nächsten Morgen an die Pferde verfüttert.
Wir essen die Pizzen, spielen Skipbo, essen Schokolade und gehen schließlich schlafen.

TAG 9
„Wahnsinn! Dann habt ihr es ja fast geschafft!“
Leer – Oldersum
25,5 km
Die Nacht ist etwas unruhig. Hannah träumt immer wieder die Pferde festhalten zu müssen. Sie wacht sogar im Halbschlaf auf und findet sich sitzend und mit Phoebe redend vor, bis sie begreift, dass Phoebe gar nicht im Raum anwesend ist. Elisa hört wie Hannah redet und baut das Gespräch wiederum in ihren Traum ein: Wir haben sehr teure Rittersport-Schokolade gekauft und Hannah verfüttert zu Elisas Schrecken alles an Phoebe. Als wir vom Wecker geweckt werden und uns unsere Träume bewusst werden, schütteln wir beide die Köpfe. Wir packen all unsere Sachen, räumen die Sportmatte auf und den Müll weg und gehen zu den Pferden. Wir bepacken sie in den Boxen. Phoebe kann es, wie generell immer in Boxen, kaum erwarten raus zu kommen.

Wir machen auf der nächsten, offenen Wiese Halt. Die Pferde werden los gemacht und wir werfen einen Blick in unsere Provianttasche. Neugierig nehmen wir das Brot und den Kuchen im Glas heraus, den wir in dem Hofladen gekauft haben. Wir probieren beides und sind etwas enttäuscht, dass es weniger gut schmeckt, als erwartet. Aber besser als nichts.. Wir laufen weiter, kommen an einer Kuhwiese mit einer „Dracula-Kuh“ vorbei: Auf den ersten Blick scheint es, als ob sie zwei spitze, herausragende Eckzähne hat.
Wir müssen Deich und Ems über eine Brücke überqueren. Oben sind wir überrascht von der Größe. Zudem herrscht dichter Verkehr, die Fußgängerspur ist eng. Links von uns ist eine niedrige Mauer, die uns von den Autos und LKWs trennt, die direkt an uns vorbei fahren. Rechts wird der Weg vom Geländer begrenzt. Zu allem Überfluss kommt uns jetzt auch noch ein Fahrradfahrer entgegen. Es geht um Millimeter, insbesondere bei Amica. Aber wir schaffen es! Ein Hoch auf unsere Pferde, die in dieser etwas brenzligen Situation die Ruhe selbst sind als ob sie wüssten, dass etwaige Eskapaden in diesem Moment katastrophal sein könnten. Wir sind mächtig stolz als wir die Brücke verlassen und Leer erreichen.



Bei der nächsten Einkaufsmöglichkeit, ein Lidl, stoppen wir und Hannah geht rein um unsere Vorräte aufzufüllen. Als sie zurück kommt, steht Elisa mit den Pferden umringt von einigen Menschen, die sie ausfragen. Wir bleiben einen Moment, unterhalten uns mit den Leuten und gehen dann weiter. Jede noch so kurze Unterbrechung fühlt sich wie Folter an. Elisas Blasen haben sich mittlerweile etwas erholt, dafür tuen Hannahs Blasen nun besonders weh. Wir laufen durch Leer, es ist viel los und dadurch für alle sehr anstrengend. Die Pferde sind zwar ruhig aber wir bemerken, dass wir selbst den ganzen Trubel nicht mehr gewohnt sind und die Ruhe der Tage zuvor vermissen. Es geht über eine Brücke und dann in ein Wohnviertel. Der Verkehr nimmt merklich ab. Bevor wir den nächsten Feldweg erreichen, laufen wir an einer Grundschule vorbei. Es ist gerade Pause, die Kinder schreien alle durcheinander, wir sind unfreiwillig die Tagesattraktion und machen uns schnell davon. Endlich wird es grüner. Wir machen an der nächsten Wiese direkt wieder Pause, nur 3 km nach der letzten aber die Köpfe qualmen. Uns besucht eine Frau mit Hund und erzählt von ihrem verstorbenen Islandpony. Sie wollte immer schon genau so eine Tour wie unsere mit ihm gemacht haben. Dass sie es nie getan hat, scheint sie bei unserem Anblick enorm zu bereuen. Ihre Reaktion zeigt uns erneut, dass es die richtige Entscheidung war die Reise nicht aufzuschieben sondern drauf los zu wandern.


In der Ferne sieht man die Autobahn, über die wir kurze Zeit später drüber gehen. Auch das meistern unsere 4-beinigen Profis mit Bravour.

Wir biegen noch einmal ab, sehen den Deich und freuen uns schon: Laut unserer Wander-App sollen wir bald auch oben drauf laufen. Jedoch stellt sich leider heraus, dass dies in Begleitung der Pferde nicht möglich ist, da überall Schafszäune stehen. Stattdessen geht es die ganze Zeit geradeaus parallel an der Straße entlang. Beim nächsten Hof machen wir Halt um nach Wasser für die Pferde zu fragen. Tatsächlich handelt es sich um einen Reitstall und eine Einstallerin ist besonders nett und klärt uns auf: Es gibt kaum eine Ecke an der Nordsee an der man Reiten kann. Es gibt überhaupt kaum Strand. Im Norden gibt es durch die Saison noch mehr Einschränkungen. Sie empfiehlt uns die „Knock“. Ein Stück Sandstrand bei Rysum. Wir sind froh endlich einen Namen als Ziel zu haben und laufen gestärkt weiter. Den Großteil des Tages geht es nur noch auf diesem Fahrradweg entlang. Es zieht sich.








Irgendwann können wir bei Oldersum abbiegen, kommen in eine wunderschöne kleine Altstadt, umgeben von Wasser. Mit Erreichen Oldersums zeigt sich die Sonne nochmal besonders strahlend. Die Stimmung hellt sich mit dem Wetter nochmal auf. Wir sind uns sicher, bald am Tagesziel anzukommen.
Wir werden zum nächsten größeren Stall geleitet und freuen uns. Jedoch zu früh, denn die Stallbesitzerin ist alles andere als begeistert uns aufzunehmen. Sie erklärt nur 2 Hektar Wiese für 18 Pferde zu haben. Wir schlagen vor, den Paddock zu nehmen und würden für Heu bezahlen. Sie willigt nur sehr zögerlich ein. Auf die Frage, ob wir möglicherweise im Reiterstübchen oder auf der Stallgasse schlafen können, reagiert sie abweisend aus Angst wir könnten nachts den anderen Pferden etwas antuen. Wir schauen uns an und drehen um. Wir sind erschrocken von solch einer Einstellung. Es ist mittlerweile schon nach 18 Uhr und wir sind seit 10 Stunden unterwegs und brauchen dringend eine Unterkunft. Wir trauen uns und den Pferden die nächsten 5 km ins nächste Dorf nicht mehr zu und entscheiden in Oldersum nach einer anderen Möglichkeit zu suchen.








Dafür laufen wir ein Stück zurück und fragen Passanten und Autofahrer. Wir kommen an einer Tierarztpraxis vorbei. Hannah geht hinein, der Tierarzt ist sehr hilfsbereit und sucht die Nummer eines lokalen Stall heraus. Leider geht niemand ans Telefon aber eine seiner Angestellten, selbst auch Pferdebesitzerin, fährt sowieso dort hin und nimmt Hannah mit. Elisa passt solange auf die Pferde auf. Im Auto erklärt Hannah der Angestellten unsere verzweifelte Situation und macht klar, dass sie mitfährt um dort anzufragen und anschließend wieder zurück zu Elisa und den Pferden muss. Die Angestellte stimmt dem zu. Die Fahrt dauert nicht lange, etwa 5 Minuten. Die Frau verschwindet ohne ein weiteres Wort, außer der Info, dass Hannah den nächsten Mann ansprechen soll. Hannah schaut sich um, sieht jemanden Trecker fahren. Muss warten, bis der Mann sie wahr nimmt und anhält. Sie schildert ein drittes Mal die Lage. Der Mann winkt jedoch ab. Er habe leider überhaupt keinen Platz frei. Weiß nur, dass es einen Schrotthändler im nächsten Dorf gibt, der zwei Pferde hat. Es fängt an zu dämmern. Hannah, enttäuscht von der Absage, sucht nach der Tierarzt-Angestellten. Diese hat ganz und gar nicht vor, sie die 3 km wieder zurückzufahren. Sprachlos von dieser Aktion nimmt sie ihre Sachen und kehrt um. Unterwegs ruft sie Elisa an, weiß gar nicht wie sie ihr die schlechten Nachrichten vermitteln soll. Elisa unterdessen hat Schwierigkeiten die Pferde ansatzweise ruhig grasen zu lassen. Alle sind mit den Nerven am Ende und den Tränen der Verzweiflung nahe. Es bleibt ihr nichts anderes übrig als ungefähr in dieselbe Richtung zu laufen, in die Hannah im Auto weg gefahren ist. Hannah wiederum versucht so schnell wie möglich wieder zurück zu laufen, sucht unterwegs noch nach einer anderen Unterbringung und fragt Menschen mit Pferdeanhängern, läuft über Bauernhöfe um nachzufragen, findet niemanden der ihr helfen kann.
Immerhin finden wir uns schließlich wieder. Am liebsten würden wir den Film beenden, den Fernseher ausschalten und ins Bett gehen aber es gibt keinen Aus-Knopf. Wir müssen eine Lösung finden und dafür würden wir auch ungefragt auf eine umzäunte Wiese gehen und draußen schlafen. Wir sehen uns um, sehen ein Bauernhaus umgeben von Kuhweiden in der Nähe. Unsere letzte Hoffnung. Elisa argumentiert noch, dass es nett aussieht, dass dort nette Menschen leben müssen. Wir laufen hin. Auf 100 Metern Entfernung sehen wir eine sehr alte Dame mit Rollator. Wir sprechen sie ohne zu zögern an und fragen nach. Sie erklärt uns, dass die Wiesen durchaus ihr gehören, jedoch verpachtet sind und sie dementsprechend keinerlei Entscheidungsrecht hat. Elisa will aufgeben, mit einer weiteren Absage kann sie nicht umgehen. Hannah fasst den letzten Hoffnungsschimmer und fragt nach einer Telefonnummer. Die wird uns hilfsbereit gegeben. Zum Glück erreichen wir schon nach dem ersten Klingeln die Pächterin, erklären ihr zum 100.mal unsere Situation. Es dauert einen Moment, dann versteht sie unser Problem und willigt ein, dass unsere beiden Damen eine Nacht auf der leeren Koppel stehen dürfen. Wir sind so erleichtert wie noch nie auf der ganzen Wanderung. Die alte Dame freut sich mit uns und bietet uns zum Schlafen ihre Garage an und zum Aufwärmen eine Tasse Ostfriesen-Tee mit Kandis-Klünkern an. Das Angebot nehmen wir mit Freuden an. Es ist mittlerweile dunkel und arschkalt. Nachdem wir die Pferde auf die Wiese entlassen haben, gehen wir rein und entspannen uns bei gutem Tee. Wir reden über Familie, Krieg und anderen Geschichten von früher. Wär es zu diesem Zeitpunkt nicht schon so spät, so sind wir uns sicher, hätten wir noch viel länger mit ihr reden können.


Inzwischen hat die ältere Dame schon etwas mehr Vertrauen zu uns gefasst. Sie realisiert, dass es draußen, selbst in der Garage, zu kalt zum Übernachten ist und bietet uns ihren Vorraum/Waschküche an. Wir sind überglücklich und bedanken uns mehrmals. Die Dame geht schlafen und wir richten uns ein bisschen ein, spielen noch zwei Runden Skipbo und gehen dann ebenfalls schlafen.

Unser heutiger Schlafplatz, fotografiert am nächsten Morgen nachdem wir unsere Sachen schon gepackt hatten
TAG 10
„Glückwunsch!!“
Oldersum – Rysum
26,2 km
Wir wachen am nächsten Morgen auf, packen die Sachen. Die Dame schläft noch. Wir suchen nach einem Zettel und schreiben ihr ein Dankeschön.

Hannah geht hinaus, will ein Foto machen: Der Akku der Kamera ist leer. Sie hat sie vergessen am vorigen Abend aufzuladen. Der heutige Tag wird also ausnahmsweise ohne Kamera bestritten, sie wird eingepackt und wir machen uns und die Pferde fertig. Wir brechen um kurz vor 8 Uhr auf. Vor uns liegt ein weiter Weg. Wir wollen bis nach Emden, dort mittendurch und dann das letzte Stück nach Rysum.
Wir laufen ein drittes Mal durch Oldersum, halten beim selben Supermarkt an, wo Elisa am Tag zuvor mit den beiden Pferden auf Hannah gewartet hat, um Brötchen zu kaufen. Wir laufen aus Oldersum raus. Dieses Mal, so sind wir uns sicher, kommen wir nicht mehr zurück. Damit die Zeit schneller verstreicht, reden wir über die Dinge, die uns beschäftigen. Unterstützend dazu machen wir erneut etwas Musik an. Das hilft und hält uns beide motiviert. Es geht erneut parallel zur Straße auf einem Radweg am Deich entlang. Es vergehen einige Kilometer ohne dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Dann fährt ein Mann an uns vorbei, kurbelt das Fenster herunter und gibt uns Bescheid, dass er im nächsten Dorf für die Pferde einen Bottich Wasser an den Straßenrand stellen wird. Wir bedanken uns und freuen uns über die nette Geste. Kurz vor Emden halten wir nochmal an, machen eine Pause auf einer Wiese neben der Straße. Danach geht es weiter und es dauert nicht lange, bis uns ein Fahrradfahrer zunächst überholt, dann aber absteigt und sich von Elisa und Amica überholen lässt um Hannah anzusprechen.. Er fragt sie aus, sie unterhalten sich nett. Er hat Zeit und gesellt sich einfach dazu. Dies wird von uns am Anfang noch gerne als Abwechslung geduldet. Hannah redet sehr lange mit ihm, bzw. er mit Hannah. Er redet von Individualpsychologie und den frühen Anfängen von Sigmund Freud, Dinge von denen sie keine Ahnung hat aber die Art und Weise wie er erzählt, gefällt ihr und so lässt sie sich gerne von ihm ablenken.
Es wird langsam städtischer, das Gespräch persönlicher. Er will unsere Navigation sehen, die wir ihm gerne zeigen. Dann jedoch empfiehlt er eine andere Route, die angeblich kürzer sein soll aber ganz offensichtlich weg von unserem Ziel, Rysum, führt. Wir sind irritiert, das Misstrauen ist geweckt. Wir sehen uns an, für uns ist klar, dass wir ihn abwimmeln wollen und danach unsere Route gehen. „Den Rest schaffen wir auch alleine, Danke.“ versucht es Hannah. Der Mann lacht und erwidert: „Das glaube ich euch“. Er fährt ein Stück vor. Wir sind sicher, ihn los zu sein aber dann lässt er sich wieder zurück fallen. Er räumt die Mülltonnen vor uns aus dem Weg. Eine völlig übertriebene Aktion, da wir auch ohne Probleme so vorbei gekonnt hätten. Er hält genau vor Elisa und bietet uns Kaugummi an. Wir ignorieren all seine Versuche, gehen stumpf weiter und ärgern uns überhaupt mit ihm gesprochen zu haben. Wir freuen uns sehr, als er sich schließlich an einer Ampel verabschiedet und glauben, dass es das war. Aber kurz vor der Innenstadt fährt er erneut hinter uns. Da er unseren Weg kennt, weiß er wo wir entlang gehen..
Elisa hat eine Idee: Statt die Fußgängerzone zu umgehen und zum Hafen zu laufen, läuft sie voran mitten in die Menschenmasse. Als Hannah sich umblickt, sieht sie nur, wie der Mann, der uns verfolgt hat, Richtung Hafen abbiegt. Wir fühlen uns sicherer und sind gleichzeitig die Attraktion schlechthin. Überall werden die Handys gezückt, sogar von einem Sightseeing-Boot im Hafen. Ein Mann macht ungefragt ein Foto und steckt uns danach einen 5€-Schein zu. Wir gehen irritiert weiter.
Die Pferde sind erstaunlich ruhig, der Trubel in der Innenstadt scheint ihnen nichts auszumachen. Die Fußgängerzone endet plötzlich, wir kommen in einen kleinen Park. Amica stellt sich breitbeinig auf die Wiese und pinkelt. Fast zeitgleich pinkelt auch Phoebe. Die Hunde an der Leine sowie deren Besitzer gucken komisch. Es dauert einen Moment, dann haben wir wieder unsere Route auf dem Navi gefunden: Wir müssen den Weg auf eine Brücke finden, danach fast nur noch geradeaus bis wir in Rysum ankommen.
Nach der Brücke machen wir eine Pause. Die Pferde haben sich eine ausgiebige Graspause verdient und auch wir müssen erstmal zur Ruhe kommen. Es hält eine Frau mit ihrem Auto neben uns und fragt, ob sie uns helfen kann, sie kann uns und unseren Pferden auch gerne eine Unterkunft anbieten. Wir freuen uns aber lehnen dankend ab, denn wir wollen es heute noch bis nach Rysum schaffen. Die Frau fährt weiter. Wir reden gerade über den Mann und wie unwohl wir uns beide gefühlt haben, da entdeckt Hannah ihn erneut. Sie steht mit dem Blick auf die Brücke und sieht klar und deutlich, wie er auf der anderen Straßenseite die Brücke hinab fährt, unverwechselbar sehr bunt gekleidet. Wir bekommen beide Angst. Da er unser Ziel kennt, befürchten wir, dass er uns weiter verfolgt, vielleicht auch ohne dass wir es bemerken und uns später auflauert. Wir gehen sehr bedrückt weiter. Hannah läuft hinten und schaut immer wieder zurück aber sieht ihn glücklicherweise nicht mehr. Wir reden über die Situation und kommen zu dem Ergebnis, dass wir absolut nicht damit hätten rechnen können, dass sich die Lage derartig ändern würde und aus einem harmlosen Gespräch eine solche, für uns potentielle, Gefahr entstehen würde. Elisa telefoniert mit ihrer Mutter, schildert ihr die Ereignisse. Wir laufen weiter, entspannen uns langsam und anstelle der Angst tritt langsam aber sicher die Erschöpfung ein. Erschöpfung nach 10 vollen Tagen Wandern. Auch die Pferde sind erschöpft. In jeder Pause gähnen sie, Amica bleibt zwischendurch stehen und streikt, Phoebe läuft mittlerweile mit einer klaren Präferenz auf Grasboden oder Erde. Ihre Hufe hatten sich abends noch kühl angefühlt, heute morgen allerdings schon etwas warm. Auch unsere mentale Erschöpfung ist zu spüren als wir an einer Reihe von Pappeln und Eschen kommen und minutenlang „Eschescheschesche“ wiederholen und lachen. Wir können nicht mehr. Aber hier gibt es auch nichts. Nichts außer Wiesen, Maisfelder und Kuhs. Wir queren die Hauptstraße, ein schwarzer Audi hält neben uns auf einem der Feldwege. Wir reißen uns zusammen um nicht genervt auf die üblichen Fragen zu antworten. Doch die Frau gibt sich selbst als Pferdehalterin zu erkennen. Das Interesse von unserer Seite ist augenblicklich geweckt. Leider übernimmt sie gerade einen Hof und die Lage ist etwas kompliziert. Aber kurz vor ihrem Hof liegt noch ein anderer Stall, der möglicherweise Platz hat.
Eigentlich sind wir noch nicht ganz in Rysum und eigentlich wollten wir noch weiter aber eigentlich sind wir viel zu fertig um noch weiter zu laufen und vor allem dann noch weiter zu suchen. Also halten wir Ausschau nach dem erwähnten Stall.
Dieser lässt nicht lange auf sich warten. Es kommt ein Mann heraus, er wirkt abweisend. Wir sind uns schon sicher, dass er ablehnen wird. Dann nimmt er jedoch Hannah mit zu einer Weide und fragt, ob es in Ordnung ist, wenn er ein Stück abtrennt. Die Weide ist saftig grün, nicht zu hoch, nicht zu abgegrast. Auf der einen Seite sind Pferde zu sehen auf der anderen ist sie durch dichtes Gebüsch vom Feldweg abgegrenzt. Kurzum: sie ist perfekt. Sie kommt glücklich zurück und wir nehmen die Gepäcktaschen ab. Der Mann macht sich daran, ein Stück abzutrennen und wir putzen und tränken die Pferde. Er führt uns hin, das Stück ist deutlich größer als erwartet. Wasser und Heu sollen die beiden auch noch bekommen. Wir können unser Glück kaum fassen. Dürfen uns ins Reiterstübchen setzen. Es kommt noch eine weitere Frau hinzu. Wir fragen beide, ob sie jemanden kennen, der noch zwei Betten übrig hat für uns. Tatsächlich und das wird uns erst vor Ort erklärt, ist auch jetzt noch Hochsaison und alle Hotels und Ferienwohnungen voll. Aber, wie der Zufall es will, ist die Frau genau in der Branche aktiv und schafft es schließlich und mehrere Möglichkeiten anzubieten. Wir entscheiden uns für die Naheliegendste und Kostengünstigste: ein Gästezimmer mit Badezimmer bei der Mutter einer guten Freundin, insgesamt 90€ für drei Nächte. Wir willigen sofort ein. Bekommen von dem Mann sogar 2 Fahrräder gestellt und fahren zu unserer Unterkunft nach Upleward als hätte es die vorigen 26 Kilometer nicht gegeben. Dort angekommen können wir es nicht glauben: Wir sind da! Die Reise ist beendet! Wir gehen duschen, essen Reste, freuen uns ins Bett fallen zu können mit dem Wissen am nächsten Morgen auszuschlafen. Für Hannah ist heute zudem der Tag vor ihrem 22.Geburtstag. Die ganze Wanderung über hatten wir unterschwellig das Ziel, diesen schon am Meer verbringen zu können.. Nun, dieses Ziel haben wir erreicht und wir sind stolz wie Bolle.

22. & 23. September







































Über Verantwortung
Wenn man Pferdebesitzer oder -pfleger ist, trägt man die Verantwortung für ein anderes Leben. Das Leben eines anderen Lebewesens, mit dem die Kommunikation manchmal besser, manchmal schlechter funktioniert, als mit einem anderen Menschen. Manchmal weiß man es nicht: stimmt etwas nicht? Hat es Schmerzen? Welche ist die richtige Entscheidung? Können wir weiter wandern oder sollten wir lieber doch noch einen Tag Pause machen? Stellen wir unsere Ziele gerade über die Bedürfnisse unserer Pferde? Ein ständiges Hinterfragen ist unausweichlich.
Schon zu Beginn der Reise waren Phoebes Hufe kurz gelaufen obwohl der Hufbearbeiter extra seit Wochen nicht mehr da gewesen war. Die Hufe und die geschwollenen Druckstellen waren über die ganze Zeit Hannahs größten Sorgen.

Elisa sorgte sich hingegen um den Ernährungszustand und Stoffwechsel von Amica. Nimmt sie gerade ab? Warum frisst sie nicht ihr Futter? Warum pinkelt sie so viel obwohl sie kaum trinkt? Manchmal wünscht man sich nichts sehnlicher, als dass das Pferd endlich den Mund aufmacht um mit einem Klartext zu sprechen.
Bei unserer Ankunft entscheiden wir uns den Pferden einen vollen Tag Pause auf der Wiese zu geben, bevor wir ihnen Strand und Meer zeigen. Stattdessen fahren wir am Mittwoch selbst mit unseren Fahrrädern vom Stall an die See und suchen dabei nach dem möglichst kürzesten Weg für die Pferde. Wir sind froh um die Entscheidung, denn es ist schwieriger als gedacht ans Wasser zu kommen: Der Großteil der Deiche sind umzäunt und nur über einen kleinen Holzüberstieg zu erreichen. Darüber hinaus gibt es generell nur sehr sehr wenig Sandstrand. Die Knock, bzw. der Strand, ist gefühlt 100m lang, ein Witz zu unserer Vorstellung dort richtig ausreiten zu können. Aber Strand ist Strand! Als wir mit beiden schließlich am Donnerstag den Strand besuchen, sind sie deutlich munterer im Vergleich zum Vortag und wir finden schnell den richtigen Weg. Wir sind froh genau so die Entscheidung getroffen haben und endlich hier zu sein.
Über Menschen
Dadurch dass wir auf unserer Reise von der Großzügigkeit anderer abhängig waren, konnten wir Menschen tiefer kennenlernen als gewöhnlich. Es war für uns eine interessante wie wichtige Erfahrung, zu erkennen wie unterschiedlich die Menschen auf unsere Situation reagiert haben. Menschen, die wenig hatten und uns trotzdem viel gegeben haben. Menschen, die viel hatten und alles in Bewegung gesetzt haben um uns unsere Reise zu ermöglichen. Ganz unterschiedliche Lebenssituationen und -ansichten und doch einig uns zu helfen. Viele kleine Gesten, liebe Worte und emporgereckte Daumen, die uns gefreut und motiviert haben nicht aufzugeben. Einige haben auch zwischendurch und noch im Nachhinein uns geschrieben, haben mitgefiebert und sich mit gefreut.
Andererseits gab es auch vereinzelt Momente, in denen wir enttäuscht waren oder Verhalten nicht nachvollziehen konnten: Wir wurden abgewiesen, angehupt, die Pferde ungefragt angefasst oder komisch angemacht. Manchmal wurde auch unsere Menschenkenntnis auf die Probe gestellt. Insbesondere bei unserem Verfolger in Emden lagen wir wohl falsch. Diese Fehleinschätzung hat uns noch den ganzen Tag beschäftigt.
Dennoch hat uns unser Bauchgefühl nur selten enttäuscht. Es hat uns durch die ganze Reise begleitet und uns zu so vielen tollen Orten und Menschen geführt. Wir wollen nie vergessen, wie viel Gastfreundschaft und Unterstützung wir erhalten haben. Insbesondere dass viele Menschen aus dem Nichts, ohne uns auch nur ansatzweise zu kennen, sehr selbstlos und ohne jeglichen Profit sich für uns eingesetzt haben, ist alles andere als selbstverständlich.
Unterwegs haben wir uns vorgenommen: Sollten wir selbst jemals die Gelegenheit haben dies zurückzugeben, werden wir sie nutzen!
DANKESCHÖN! ❤

PS: Wir wurden am 24.September abgeholt und sind gut zurück in Münster angekommen!
Unsere Wanderung 2022 von Münster über Köln nach Stolberg findet ihr hier!