285 km in 16 Tagen
Am 02.09.2022 haben wir uns zu viert, Elisa und Hannah mit Amica und Phoebe, auf unseren insgesamt 12 Beinen auf den Weg von Münster nach Stolberg gemacht. Nach 285 besonderen Kilometern erreichten wir am 17.09.2022 Stolberg.
Diese Seite dient dem Rückblick auf unsere Reise und drückt ein großes Dankeschön an Alle aus, die uns dies ermöglicht haben.
Dankeschön auch an Phoebe und Amica, ohne die wir ohnehin nie losgewandert wären… und die sich auch auf dieser Wanderung wieder als treue Packpferde bewiesen haben.
(Unsere Wanderung 2021 an die Nordsee findet ihr hier)
DIE IDEE
„Wohin geht es diesen Sommer?“
War die Frage, die wir uns stellten. Nach Stolberg war die Antwort. In Hannahs Hood. Dahin, wovon sie schon 2020 nach Münster starten wollte. Die Strecke stand also sozusagen aus und musste unbedingt noch bewandert werden..
Und so beschlossen wir eine Wanderung von mindestens 250 km.



Amica ist der Inbegriff von „harte Schale – weicher Kern“: Sie ist ein älter-als-sie-ist-wirkendes, braunes Warmblut aus den Niederlanden mit großem, schiefen Kopf, auf den ersten Blick ruhig und gleichzeitig etwas kratzbürstig. Sie ist ganz besonders schlau und ihre feinen Antennen merken sofort wenn etwas bei dem Menschen nicht stimmt. Sie lässt nicht viele an sich ran, aber wenn man es geschafft hat ihr Vertrauen zu gewinnen, ist sie ein Vierbeiner auf dem man sich zu 100% verlassen kann.

Phoebe („Fibi“) könnte kaum mehr Gegensatz sein. Sie ist unser „arabischer Labrador“, herzensgut und naiv, lässt sich von jedem überall anfassen und verfügt auch über dieselbe Leichtfuttrigkeit. Sie hat ein großes Vertrauen in den Menschen und überrascht dadurch immer wieder mit ihrer Entspanntheit, wo sie doch in ihrem Leben erst seit drei Jahren wirklich etwas zu sehen bekommt.
Tatsächlich haben sich seit der letzten Wanderung einige Dinge geändert:
Elisa trägt jetzt auch einen Hut. Hannah hat sich die Haare wachsen lassen und trägt einen kleinen, aber richtigen Rucksack. Phoebe hat Duplos (Kunststoffeisen) unter den Hufen, dazu einen Sattel und darüber waschechte Packtaschen, die kein einziges Mal verrutschen! Und Amica hat Plaketten („Kennzeichen“) und eine Satteldecke zum Wechseln bekommen. Insgesamt sind wir mit der Kombination aus alter und neuer Ausrüstung sehr zufrieden und können uns damit noch besser auf die Wanderung konzentrieren, die nicht nur weiter, länger und schöner, sondern auch schwieriger wird. Aber lest selbst..
TAG 1
„Sind die Spritpreise schon so weit gestiegen?“
Münster – Senden
18,9 km
Hannah schlägt die Augen auf, tastet mit der rechten Hand nach ihrem Handy und stellt den Wecker aus. Sie bleibt liegen und horcht, aber vom Flur ist nichts zu hören. Dann steht sie auf und zieht die am Vortag heraus gelegten Klamotten an. Immer noch nichts zu hören. Dabei müsste Elisa doch schon wach sein. Nochmal kontrolliert sie die Uhrzeit, dann öffnet sie ihre Tür, läuft zu der gegenüberliegenden und klopft an. Keine Reaktion. Sie öffnet die Tür, aber das Zimmer ist leer. Vielleicht ist Elisa noch joggen? Plötzlich ertönt ein lauter Seufzer und Elisas Oberkörper schreckt senkrecht aus ihrem Hochbett hoch. Wir sehen uns überrascht an. „Wie viel Uhr haben wir?“ fragt Elisa. „Hast du verschlafen?“ entgegnet Hannah, die nicht fassen kann, dass sie Elisa geweckt hat, sonst ist es immer andersrum.
Gute 20 Minuten später fahren wir los zum Stall, bekommen dort noch tatkräftige Unterstützung von Sophia, Phoebes Pflegebeteiligung, und laufen schließlich um kurz nach 9 Uhr zu fünft los in Richtung Münster Innenstadt.

Dass „wir“ breiter sind als sonst, wird uns bewusst, als Amica mit ihrem Gepäck ein abgestelltes Fahrrad umhaut. Zum Glück ist Sophia zur Stelle und räumt es wieder auf. Beim Bäcker unseres Vertrauens holen wir Brötchen, dann kommt ein kurzes Stück Promenade. Wir laufen Zuhause vorbei, bei Hannahs Arbeit machen wir einen kurzen Stopp, um Tschüss zu sagen, danach geht’s weiter zu Dom und Rathaus und dann am Aasee entlang aus Münster heraus. Unterwegs stehlen wir so manchem Touristenführer die Show und werden immer wieder angesprochen, bzw. beglückwünscht. Kurz vor Ende des Aasees machen wir am Wegrand eine „Fresspause“ –> lassen die Pferde grasen. Es ist sehr staubig und trocken bei ca. 25°, das Gras ist deutlich kürzer als wir es hier erwartet haben, bzw. gewohnt sind. Aber immerhin wächst hier was. Im Nachhinein sind wir froh den Moment genutzt zu haben, denn beim Weiterlaufen ergibt sich zunächst keine weitere Gelegenheit zum Grasen. Sophia verlässt uns, als der Weg vom Bekannten weiter ins Unbekannte führt.






Wir bewältigen gleich zweimal die Autobahn und eine große Bahnunterführung. Endlich kommen wir vom Asphalt runter auf einen Waldweg und können kurz darauf nochmal Pause machen. Aber auch hier gibt es kein Wasser und das Wasser aus dem Aasee hatten die Pferde verständlicherweise nicht trinken wollen. Wir laufen weiter, halten beim nächsten Bauernhof an und bekommen dort Wasser, das gierig ausgetrunken wird. Wir treffen auf den Kanal, erinnern uns an die Reise letzten Jahres und verlassen ihn auch gleich wieder. Kurz darauf laufen wir an Pferdewiesen vorbei und obwohl wir noch ein ganzes Stück von unserem Kilometer-Ziel entfernt sind, biegen wir in die Straße ab. Zu verlockend ist die Aussicht jetzt schon durch zu sein. Kurz vorm Hof fährt ein Auto an uns vorbei, hält an, eine Frau steigt aus, um das Tor zu öffnen, würdigt uns keines Blickes, fährt hinein und verschließt es vor unserer Nase. Okay, hier wollen wir doch nicht fragen.
Wir schauen uns um und da sehen wir eine große, eingezäunte, leere Wiese, davor ein Wohnhaus, keine 100 m von uns entfernt. Wir steuern darauf zu, Hannah klingelt, keine Reaktion. Sie klingelt nochmal, diesmal die untere Klingel. Immer noch nichts, sie will gerade umdrehen, da hört sie doch was. Es dauert einen Moment und ein Mann öffnet ihr die Tür. Sie rattert die vorher zurecht gelegten Sätze runter und bekommt ein dumpfes „ja, könnt ihr machen.“ zurück. Sie ist ganz verdutzt von der schnellen Zustimmung. Der Mann sagt, wir sollen klingeln, falls was ist und verschwindet wieder im Haus. Wir gehen mit den Pferden ums Haus herum, satteln sie ab, kämpfen mit dem Gatter und setzen uns dann ins Gras.
Sobald wir ein bisschen runtergekommen sind, gehen wir wieder zur Tür und fragen nach Wasser für die Pferde. Der Mann schließt den Schuppen auf und füllt unseren Eimer. Er ist völlig desinteressiert. Aber das ist uns egal, Hauptsache den Pferden und uns geht es gut. Die Wiese ist so riesig, dass man gerade so das Ende ausmachen kann. Links stehen drei Apfelbäume, die von uns mit Litze sporadisch abgezäunt werden, um der Kolikgefahr entgegen zu wirken. Auch entscheiden wir im abgegrenzten Stück unser Lager aufzubauen. Alles ist perfekt, das einzig Blöde ist, dass wir jedes Mal, wenn wir Wasser brauchen, ihn aus dem Haus klingeln müssen, weil er aus Angst vor Dieben, die seine Fahrradsammlung in der Garage dezimieren könnten, den Zugang dazu und somit auch den Wasserhahn abschließt. Deswegen klingeln wir nur so wenig wie möglich und wenn doch, füllen wir all unsere Gefäße auf. Die restliche Zeit sitzen oder dösen wir im Gras, spielen Karten, essen und machen Fotos und freuen uns, um den Start der Wanderung und unser Glück diese tolle Wiese gefunden zu haben.











Wir bauen unser Lager auf und kuscheln uns in die Schlafsäcke..
TAG 2
„Sowas sieht man ja hier wirklich selten“
Senden – Olfen
24,8 km
Der Wecker um 5:30 klingelt genau 7 Minuten nachdem Hannah aufwacht und, obwohl sie dringend pinkeln muss, sich dazu entscheidet liegen zu bleiben. Insgesamt haben wir beide die Nacht draußen sehr gut überstanden. Obwohl wir ein paar Mal aufgewacht sind, konnten wir immer wieder gut und tief einschlafen.
Morgens ist es noch dunkel und der Himmel beschert uns einen tollen Sternenhimmel. Die Pferde scheinen ebenfalls gut geschlafen zu haben und schauen bei uns vorbei, sobald sie merken, dass wir aktiver werden. Sie haben kein Wasser mehr bemerken wir, als wir den Eimer kontrollieren. Wir entscheiden bei der nächsten Gelegenheit danach zu fragen. Es dauert ca. anderthalb Stunden bis wir uns angezogen, die Sachen gepackt und die Pferde bepackt haben. Kurz vorm Start dehnt Elisa die Vorderbeine der Pferde nach vorne, um gegen Scheuerstellen am Gurt vorzubeugen. Amica scheint es zu genießen. Phoebe hingegen belastet die Hinterbeine, springt bei Bein Nr.2 nach vorne weg, schlägt dabei hinten aus, um anschließend ruhig stehen zu bleiben. Wir schauen uns verwundert an. Scheint, als hätte Phoebe Schmerzen. Hannah führt Phoebe herum, kann aber kein Lahmen feststellen. Wir beschließen erstmal loszugehen, lassen die Pferde ein paar Äpfel in der Einfahrt fressen und gehen zur Straße. Gleich auf dem Asphalt fällt uns auf, dass Phoebe komisch läuft. Sie schwingt insbesondere die Vorderbeine so, dass es wie Catwalking aussieht. Ansonsten verhält sie sich aber normal. Hannah schreibt Sophia an, die aber auch keine Antwort weiß. Wir gehen weiter. Mit der Zeit wird es weniger. Nur wenn wir nach dem Stehen bleiben wieder anlaufen, zeigt sie erneut den Catwalk. Da wird uns bewusst, dass es sich um Muskelkater handelt. Dass Amica auch ein bisschen so läuft, sehen wir kurze Zeit später und beruhigt uns.
Kurz bevor wir den Kanal erreichen, fragen wir einen Anwohner nach Wasser, der uns bereitwillig den Eimer füllt. Wir laufen am Kanal entlang weiter nach Senden rein, wo wir uns mit Hanna, Amicas Pflegebeteiligung verabredet haben, die uns für ein Stück der Wanderung begleiten möchte. Als wir in Senden ankommen, schauen wir auf der Karte nach wo der Bahnhof liegt, finden aber keinen und erfahren zu unserem Schrecken, dass Hanna fälschlicherweise dabei ist in den Zug nach Senden-Bösensell einzusteigen. Wir suchen auf der Karte nach Senden-Bösensell und sehen, dass es ca. 7 km Umweg von unseren Standort entfernt ist. Wir rufen Hanna an und entscheiden schließlich, dass wir sie im nächsten Ort, Lüdinghausen, einsammeln würden. Kurz nach der Entscheidung sehen wir, dass Lüdinghausen mit 17 km doch weiter entfernt ist, als erwartet. Naja, dann laufen wir uns eben entgegen. Beim Verlassen von Senden wird uns nochmal Wasser für uns und die Pferde angeboten. Wir füllen unsere Flaschen, sehen zu unserer Freude, wie die Pferde mit Möhren gefüttert werden und dass sie keinen Durst mehr haben und machen uns dann weiter auf den Weg nach Lüdinghausen. Das erste Stück der Strecke ist wunderschön: Der Weg führt uns durch eine Eichenallee.


Danach kommt aber nur noch Kanal, Kanal, Kanal und weiter Kanal. Die Sonne begleitet uns von Anfang an vom wolkenlosen Himmel aus. Kurz nach Sonnenaufgang ist das noch angenehm, später definitiv zu warm. Dabei ist nicht die Hitze, sondern viel mehr die Trockenheit das Problem. Besser gesagt die Dürre, die die „Grün“flächen schon seit Wochen plagt. Wir finden unterwegs wirklich nichts zu fressen für die Pferde. Alles ist verdorrt. Wir wechseln zigfach die Kanalseite und die Laune wechselt zwischen genervt und albern unkontrolliert hin und her. Dann, endlich, tauchen am Horizont zwei schwarze Punkte auf. Zwei? Wir rätseln wer die zweite Person sein könnte, wenn es sich bei der anderen Person tatsächlich um Hanna handelt.
Ein Natur-Fotograf lautet die Antwort, als wir näher kommen. Er hatte es sich zufällig unter derselben Brücke bequem gemacht, wo auch Hanna auf uns wartete. Kurz nach der Brücke sehen wir ein kleines Stück grüne Wiese und nutzen es direkt für eine Pause aus. Mit Hanna als zusätzliche Pferdedompteurin fühlen wir uns befreit und ausgelassen. Wir wollen uns die Kleider vom Leib reißen und in den Kanal springen. Aber da steht der Fotograf mit seinem Teleobjektiv und als ob er es förmlich riechen würde, dass wir uns ausziehen wollen, hält der Sack die Kamera nur noch in unsere Richtung. Wir ärgern uns, ziehen nur Hose und Socken aus und machen eine Katzenwäsche am Ufer. Das tut gut! Wir machen weiter Pause, bis wir ausreichend erholt und die Pferde satt sind. Amica läutet das Ende der Pause ein, indem sie mit flottem Schritt uns einfach davon läuft. Hanna sprintet hinterher und fängt sie ein. Wir packen zusammen und laufen weiter. Unterwegs nehmen wir einen Beutel Pflaumen von einem kleinen Selbstbediener-Verkaufsstand mit und hinterlassen eine Dankeskarte.
Als wir alle mehr in Trance, als bei Bewusstsein sind, lassen wir vom Handy Prince, später auch AnnenMayKantereit tönen. Die Musik treibt uns an und motiviert. Wir bieten zwischendrin den Pferden Wasser aus dem Kanal an, aber sie trinken nur wenig. Stattdessen ziehen sie immer mehr zum Gras, oder dem, was mal Gras war. Es gibt weiterhin kaum was zu Fressen und der Hunger wächst, aber sie laufen super gut und motiviert.
Wir sind seit 8,5h unterwegs, als wir in einen Kindergeburtstag geraten. Die Kinder streicheln mit Begeisterung die entspannten Pferde und schenken uns als Dankeschön Muffins. Als wir wieder weiter gehen, wird uns unsere Erschöpfung bewusst und wir machen uns auf die Suche nach einem Stall. Dafür verlassen wir den Kanal, fragen auf gut Glück am ersten Haus nach und bekommen den Benthof empfohlen, der noch ein Stück weiter liegt, aber für den wir uns mangels Alternativen schlussendlich entscheiden.
Im Schatten halten wir ein letztes Mal an, vor uns liegt die Straße in der prallen Sonne, an deren Ende der Hof sein soll. Elisa klagt über starke Kopfschmerzen, dazu wird ihr immer schlechter. Den Hanna(h)s geht es ganz okay, aber auch ihnen ist es deutlich zu warm. Eine Gruppe mit Bollerwagen und lauter Musik kommt uns entgegen. Wir fragen eine ältere Frau wie weit es noch bis zum Hof sei, aber sie antwortet uns tanzend und singend mit „YMCA“, auch der betrunkene Rest ignoriert uns völlig. Wir fühlen uns wie im Film. Dann reißen wir uns ein letztes Mal an dem Tag zusammen und treten tapfer den Weg durch die Hitze an.
Auf der linken Seite arbeitet ein Bauer in seinem Traktor unermüdlich auf einem Acker und wirbelt allerhand Staub in die Luft, sodass wir mehr als überglücklich sind, als wir endlich nach einer gefühlten Ewigkeit der Straße den Rücken kehren und mit unseren müden Füßen die Hofeinfahrt betreten. Das erste was uns auffällt ist ein Haufen Autos aus unterschiedlichsten Städten NRWs. Wir treffen einen Mann an und zum Glück ist es genau der Richtige. Er sagt zunächst zwar weder Nein noch Ja, aber wir haben das Gefühl, er würde eher Ja sagen als Nein. „Ich muss das mit meiner Frau absprechen“ entgegnet er, bevor er verschwindet und uns nach wenigen Minuten zu sich ruft. Wir laufen die letzten Meter und es sind wirklich die letzten, denn wir dürfen bleiben! Wir satteln ab und führen die Pferde zu einer großen, vertrockneten Wiese mit drei Jungbullen darauf. Wasser und Heu werden großzügig aufgefüllt, dann lernen wir den Ferienhof kennen. Es gibt jede Menge Kühe, aber auch Pferde, Katzen, Hunde und Hühner vom Nachbarn. Außer einem Pool gibt es auch noch einen großen Aufenthaltsraum mit Toiletten, einer Küche, Bar und einem Kicker. Hier dürfen wir übernachten. Wir freuen uns unendlich, insbesondere als wir hören, dass wir auch duschen dürfen!




Elisa geht nochmal zu den Pferden, die zufrieden auf der Wiese stehen, als Amica plötzlich doch nicht mehr so zufrieden aussieht, sondern anfängt sich vermehrt gegen den Bauch zu treten und zu wälzen. Sie hofft sich zu vertuen, dass es nur ein Zufall ist. Aber das ist es nicht: Amica hat Bauchschmerzen. Beim Abhorchen des Bauchs hört man gar nichts (Alarmstufe Rot bei Pferden). Wir versuchen gemeinsam die Kolik abzuwenden, geben ihr Colosan und führen auf Anweisung Elisas Mutter Striche nach Akkupressur aus. Leider wird es nicht besser und wir müssen notfallmäßig einen Tierarzt rufen. Unterdessen verlässt Phoebe die Seite ihrer Freundin nicht und stupst sie immer wieder sanft an. Die Tierärztin kommt recht schnell und spritzt Amica, nach eingehender Untersuchung, Entkrampfungs- und Schmerzmittel. Nach einer Weile wird Amica ruhiger. Sie darf bis zum nächsten Tag nichts mehr fressen und muss in einem von uns abgetrennten Paddock auf der Wiese bleiben. Wir verschieben einen Teil des Heus in die Nähe des Paddocks, sodass Phoebe beim Gesellschaftleisten selbst nicht auch hungern muss. Der Tierarztbesuch erleichtert übrigens Elisas Konto um 310€. 310€ die man in so einem Moment gerne fürs Pferd ausgibt, bloß damit es ihm besser geht. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht, ob wir überhaupt unsere Wanderung fortsetzen können. Zumindest werden wir einen Tag Pause machen und erstmal sehen, wie sich Amicas Gesundheitszustand entwickelt. Was genau die Gaskolik ausgelöst hat ist schwierig zu sagen, zumal wir unterwegs keine Schwäche seitens Amica registriert haben, im Gegenteil. Wir vermuten aber als Faktoren die Hitze, das wenige Futter zwischendurch und die Äpfel am Morgen, die alle in allem sich negativ auf ihre Verdauung ausgewirkt haben können.
Wir sind beruhigt, dass die Kolik nicht schlimmer verlaufen ist und kochen uns mit dem Campingkocher neben der Wiese Nudeln. Unsere Gastgeber sind unterdessen so freundlich und zuvorkommend, dass wir froh sind, dass uns die Kolik hier und nicht irgendwo anders getroffen hat. Bis wir um 22:30 Schlafen gehen, duschen wir nacheinander und Elisa kontrolliert immer wieder die Pferde, aber Amica wird nicht mehr rückfällig und bekommt eine Hand voll Heu.
TAG 3
„Miau“
Olfen
Elisa wacht morgens gleich zweimal auf und schaut schon mal nach den Pferden. Sie füllt Wasser und Heu nach und legt sich dann wieder für eine Weile hin, bevor wir alle zusammen aufstehen.

Um 9 Uhr gehen wir alle zum Rondell draußen, wo es Frühstück gibt. Und was für eins! Der Tisch ist reich gedeckt, an allem was das Herz an einem Sonntagmorgen begehrt. Wir lassen es uns schmecken und lernen unsere Gastgeber in einem tieferen Gespräch besser kennen. Nach dem Frühstück geht Elisa rüber zu den Pferden, lässt Amica raus und beobachtet sie noch eine ganze Weile. Hanna fährt unterdessen mit Susanne, der Frau vom Hof, eine Runde mit der Kutsche. Hannah verlässt den Tisch gar nicht erst, sondern verstrickt sich in einer Diskussion mit zwei Bauern über Landwirtschaft und Naturschutz. Ihr werden sogar Zettel vorgelegt, die die Landwirte vom Ministerium erhalten haben und die ihnen vorschreiben, was sie nun wie anpflanzen dürfen. Sie bemerkt, dass den Landwirten naturschutzrelevantes und ihr landwirtschaftrelevantes Wissen fehlen. Und der Regierung offensichtlich beides..
Der Tag vergeht entspannt und sehr erholsam für uns. Wir lassen uns von den Kätzchen unterhalten bis Hanna zurückkehrt. Dann werden Karten gespielt und Hanna flechtet uns beiden die Haare. Nebenbei essen wir Süßigkeiten, Weintrauben, Pflaumen und Äpfel, alles was der Hof uns so bietet. Zu Mittag sind die übrigen Gäste abgereist und wir nehmen selbst Schaukel und Kettcar in Beschlag. Elisa bleibt Amica wegen in Kontakt mit ihrer Patentante, die Tierärztin ist. Zum Glück geht es Amica zum Nachmittag hin immer besser und sie bekommt einen Eimer Mash.
Später wird gegrillt, wo wir wieder zu eingeladen werden. Während des Essens wird uns vorgeschlagen in einer der Ferienwohnungen alias Zirkus-Waggons zu übernachten. Sie seien zwar noch nicht gereinigt worden, aber es wäre dennoch ein Upgrade. Wir stimmen direkt zu und freuen uns auf eine Nacht auf einer richtigen Matratze. Nach dem Essen packt Hannah ihre Kamera aus. Wir machen einen Haufen Fotos von den Katzen, den Kälbern und auch von den Hof-Pferden, nachdem sie für ein Photoshooting hergerichtet wurden.
Gegen Abend bestellen wir Pizza. Eigentlich wollen wir die nette Gastfamilie einladen, aber diese isst an diesem Abend Reste und so sitzen wir schließlich zu dritt mit unserer Pizza am Tisch. Wir sehen uns die Route für den morgigen Tag an, dazu das Wetter und sind nur mäßig begeistert über die sonnigen Aussichten am Kanal. Vor dem Schlafen gegen 22 Uhr, geht Hannah noch einmal duschen.






TAG 4
„Was meinst du was die Pferde denken, ob und woher wir den Weg kennen?“
Olfen – Waltrop
17,5 km
Kurz vor unserer Abreise um 20 nach 7 wird Hanna von ihrem Vater abgeholt. Weil es heute so heiß werden soll, wollen wir die Kühle der frühen Morgenstunden besonders ausnutzen. Wir laufen in Richtung Kanal, es geht einen kleinen Hügel hoch, der den Pferden, die das flache Münsterland gewöhnt sind, einen Vorgeschmack geben auf das was ihnen auf der Wanderung noch bevorstehen wird. Oben am Kanal angekommen atmen wir alle vier schwerer. Im selben Moment kommt die Sonne heraus und wärmt bald unsere Rücken, bzw. Hinterhände.



Wir wollen die Pferde grasen lassen, aber wo wir auch anhalten, es schmeckt ihnen alles nicht. Wir gehen davon aus, dass es noch immer zu verdorrt ist. Für uns gibt es zum Frühstück nur einen Müsliriegel und Pizzareste. Insgesamt kommen wir gut voran und haben beste Laune. Nur die Sonne macht uns zu Schaffen. Wir queren den Kanal und kommen an eine grünere Wiese, aber auch hier schmeckt es den Pferden nicht. Wir sind enttäuscht. Manchmal ist es echt schwer vorherzusagen was ihnen schmecken würde. Wir bieten ihnen (vergleichbar) saftiges Gras an und es schmeckt ihnen nicht und das, was wir für ungenießbar halten, fressen sie überraschenderweise lieber. Wir probieren viele Stellen aus und schließlich finden wir etwas, was den Ansprüchen unserer Pferden gerecht wird.
Nach etwa 15 km verlassen wir den Kanal und passieren eine Baustelle an einem Kohlekraftwerk. Darauf folgt viel Landstraße ohne Radweg. Wir müssen direkt an der Straße laufen. Elisas Handy klingelt, sie geht aus Gewohnheit direkt ran, was das Führen von Amica am Straßenrand nicht leichter macht. Tatsächlich gibt es erfreuliche Nachrichten: Sie hat eine Zusage für ihr Praktikum bekommen! Das ist auf jeden Fall ein Stimmungsheber!


Wir finden kurz hinter dem Kraftwerk eine Wiese vor und machen eine Pause, die von allen dankend angenommen wird. Leider hatten wir zuletzt kein Wasser aus dem Kanal geholt, da Hannah die Leiter dafür hätte runter klettern müssen und wir das für zu umständlich hielten. Wir hatten auf ein Ufer gehofft, aber vergeblich und zum Schluss auch vergessen. Den Salat haben wir jetzt, denn die Pferde bekommen Durst. Wir fragen einen der Bauarbeiter, der hier seinen LKW geparkt hatte, ob er vielleicht zufällig einen Kanister Wasser dabei hat. Er weiß es nicht, aber verspricht nachzusehen. Er kommt zurück und überreicht uns stolz eine 750 ml Sprudelwasserflasche. Zwar lieb gemeint, aber leider bringt uns das nicht weiter. Wir erklären ihm, dass die Pferde täglich ca. 30 L trinken und bei einem Angebot von weniger als 3 Liter sich nicht mal die Mühe machen die Nase auch nur einzutauchen. Stattdessen trinken wir die Flasche Wasser selbst und klingeln, angekommen an der nächsten Häuserreihe, bei einer älteren Frau, die so nett ist uns ihren mit Wasser gefüllten Putzeimer nach draußen zu stellen. Die Pferde trinken den Eimer fast ganz leer. Insgesamt gute 15 L.
Dann laufen wir weitere 2 bis 3 km bis zu dem Hof, den wir uns noch Zuhause als Wegpunkt und potentiellen Übernachtungsort aufgeschrieben hatten. Von Google Maps aus hatte man den Stall durch seine Rennbahn schnell ausgemacht. Kurz davor überqueren wir einen Kanalarm. Der Besitzer des Trainingsstalls erklärt uns, dass er kein Platz habe und schickt uns weiter zum Biohof Dickhöfer. Weil dieser aber noch knapp einen Kilometer weiter liegt, machen wir zunächst kehrt, weil wir kurz vor der Kanalbrücke noch Wiesen gesehen hatten.
Auf diesem Grundstück scheint aber niemand da zu sein. Elisa läuft zum Nachbarn, der von der Straße aus sichtbar auf seiner Terrasse sitzt. Dieser ist sehr freundlich, rät uns von seinem Nachbar ab und empfiehlt uns ebenfalls den Dickhöfer Hof. Gut, dann laufen wir eben zu diesem besagten Hof.
Wir laufen wieder über die Brücke und anschließend am Kanal entlang. Wir kommen zwischen 13:30 und 14:00 an und finden zum Glück recht schnell die verantwortliche Frau, die uns sofort Wasser für die Pferde anbietet. Wir dürfen bleiben und sie holt nach etwas Überlegen drei Ponys rein, denen sowieso schon zu warm draußen wurde, scheucht die Rinder auf die andere Hofseite und dann dürfen unsere Pferde ihre neue Unterkunft in Beschlag nehmen. Mit ihnen auf der Wiese laufen mehrere Gänse, die sich zwar lauthals beschweren, wenn unsere Pferde auf sie zu gehen, aber im letzten Moment dann doch Platz machen. Elisa holt Heu und Hannah füllt den Wasserbottich auf. Wir füllen ihn so weit, dass wir uns sicher sein können, bis morgen früh nicht nochmal Wasser schleppen zu müssen.
Auf dem Hof leben jede Menge Hühner, die den Vertrieb an Bioeiern aufrecht erhalten, ein paar Schweine, Rinder, und etwa ein Dutzend Pferde, wobei nur zwei davon eigene sind und der Rest von Einstallern. Außerdem gibt es noch einen Hund. Weil es noch immer sehr warm ist, essen wir im Schatten unseren Bananenkuchen, den wir noch in Münster gekauft hatten. Gestärkt entscheiden wir uns dafür die direkte Nähe zum Kanal auszunutzen und ein Bad zu nehmen. Als wir zurück kommen, freut sich der Hund sehr uns zu sehen. Er war die Leiter zum Heuboden hoch geklettert und scheint nun nicht mehr runter zu kommen. Er bellt uns auffordernd an. Niemand anderes scheint gerade da zu sein. Wir zögern, dann fassen wir schließlich den Entschluss ihm zu helfen. Auf dem Weg zur Leiter überlegen wir uns einen Namen für ihn, um ihn besser ansprechen zu können. Hundi klingt blöd, wir schauen ihn an und taufen ihn Willi. Im Nachhinein können wir uns keinen anderen Namen für ihn vorstellen und sind etwas enttäuscht, als uns später erzählt wird, dass er eigentlich Bodo heißt.. Willi alias Bodo macht uns seine Rettung nicht einfach, aber mit vereinten Kräften befördern wir ihn schließlich ins Erdgeschoss. Sofort rennt er zu seinem Ball und fetzt mit diesem ausgiebig über den Reitplatz. Ein Terrier, wie er im Buche steht! Wir schauen ihm ungläubig hinterher und wundern uns, wie er es schafft bei dieser Hitze nicht zu kollabieren. Als wir zu den Pferden gehen, erwartet uns eine Überraschung: Der Wasserbottich ist völlig verschmutzt. Überall schwimmen weiße Federn. Wir heben unsere Blicke und sie treffen auf die Gänse, die sich gerade ausgiebig putzen und ihre noch feuchten Federn schütteln. Na, das hätte man sich ja denken können! Zuerst sind wir frustriert, wir sind schließlich so viel hin und her gelaufen, um den Bottich aufzufüllen. Dann gewinnt aber doch die Komik der Situation überhand und wir fangen an zu lachen. Wir stellen den Pferden zwei kleinere Eimer mit Wasser hin, in die die Gänse ganz sicher nicht passen und richten uns anschließend im Seminarraum des Biolandhofes ein.


Wir lernen den Rest der Familie kennen und werden sogar zum Abendessen eingeladen. Zunächst lehnen wir die Einladung ab, da es Chili con Carne geben soll. Das ist nichts für uns: Hannah mag kein Chili, Elisa kein Carne. Als wir uns aber unsere Fertigsuppe fertig gekocht haben, entscheiden wir uns doch dafür die Einladung zum gemeinsamen Essen im Garten anzunehmen. Man muss ja nicht dasselbe essen, um zusammen zu essen. Tatsächlich quatschen wir noch bis es stockdunkel ist. Dabei erfahren wir so allerhand interessantes über den Biohof und seine Projekte und auch, dass er Mehl und Getreide nach Münster liefert!
TAG 5
„Woher bekommt man so ein Pferd?“
Waltrop – Stockum
23,0 km
Wir starten gegen halb 8, laufen ein ganzes Stück wieder zurück, winken dem Kanal ein letztes Mal zu und machen uns anschließend auf den Weg an einem waschechten Bernhardiner vorbei in die Stadt. Der Tag vergeht wie in Trance. Wir kommen auf einem der Wanderwege an mehreren alten Zechen vorbei, überwinden einen steilen Berg und sehen viele süße, alte, kleine Höfe.


Zu unserem Glück verläuft der Großteil der Strecke im Schatten und wir kommen sogar an einem Lidl vorbei, in den Elisa hinein geht und mit gefüllter Tasche und Eis in der Hand wieder heraus kommt. Wir laufen viel durch Wohngebiete, erreichen eine Tankstelle, wo wir die Pferde tränken dürfen und als wir wieder in einen Wald kommen, fühlen wir uns bereit nach einer Unterkunft Ausschau zu halten. Der erste Blick auf Google Maps bestätigt unsere Befürchtung, dass es hier keine große Auswahl geben wird. Darum fragen wir gleich nach, als wir an eine Pferdewiese kommen. Leider haben die Leute offensichtlich keinen Platz. Es gibt nur eine große Wiese mit einem Unterstand. Aber sie sind so nett und geben uns gleich zwei Nummern von Höfen, wo wir anrufen könnten. Beide liegen jedoch in der Richtung aus der wir kamen. Wir wollen nicht zurück gehen. Elisa ist müde. Ihre Füße tuen weh. Hannah sieht sich in der Rolle der Motivatorin, die Elisa mit einem Hof in der Nähe aufmuntern will. Sie findet tatsächlich einen Hof in 2 km Entfernung. Laut Google Maps eine Reiterstaffel. Das hört sich staatlich an, vielleicht nehmen sie uns, hoffen wir und setzen unseren Weg fort.
Als wir an dem Grundstück eines Schrotthändlers vorbei kommen, läuft einer der Männer uns entgegen und zwingt uns zum Anhalten. Er ist sehr gerührt, so sehr freut ihn unser Anblick. Er sagt, er käme aus Griechenland und in seiner Kindheit hatte die Familie ebenfalls Packpferde, mit denen sie den Markt besuchten. Nachdem er zur Erinnerung ein Foto von unseren Pferden aufgenommen hat, gehen wir weiter.
Wir unterqueren die Autobahn, gehen an einer Grundschule vorbei und hören die Kinder noch eine Weile rufen: „Entschuldigen Sie?! Entschuldigung! Können wir einmal streicheln?“. Wir erreichen den Hof und sehen eine Frau, die gerade wieder den Briefkasten schließt und somit wahrscheinlich eine gute Ansprechpartnerin sein könnte. Schon nach erstem Augenkontakt rollt sie die Augen und dreht sich um, als ob sie hoffen würde, dass wir sie dann nicht ansprechen. Wir erklären die Situation, dass wir bloß eine Nacht bleiben würden, Box, Paddock, Wiese, wir nehmen alles und können auch draußen schlafen. Selbstverständlich würden wir auch bezahlen. „Bei uns übernachten aus Prinzip keine Pferde draußen, da können wir auch keine Ausnahme machen. Und Boxen sind auch keine frei.“ wimmelt sie uns ab. „Wenn ihr die Straße hoch geht kommen direkt zwei andere Höfe, die euch bestimmt nehmen.“ Wir sind skeptisch, fragen nochmal nach, wie weit das ist. Schließlich hatten wir davon nichts auf dem Satellitenfoto sehen können. „Ein bis zwei Kilometer.“ Das schaffen wir noch! Wir gehen weiter und lästern außer Hörweite über die unfreundliche Frau. Es ist extrem heiß und unsere Füße tuen weh. Ein Blick zu den Pferden bestätigt, dass auch sie erschöpft sind. Unser 20-km-pro-Tag – Ziel haben wir schon locker erreicht. Jetzt wollen wir einfach nur ankommen. Doch die Straße teilt sich in zwei auf. Wo lang sollen wir gehen? Davon hatte die Frau nichts gesagt und man sieht auch noch immer weit und breit keine anderen Höfe. Wir fragen einen Paketboten, der uns antwortet der nächste Hof sei noch mindestens 30 Minuten zu Fuß entfernt. Wir ärgern uns, haben aber keine andere Wahl. Und das, obwohl der Weg auch noch von unserer eigentlichen Route abweicht und wir einen Umweg bis zu ihm machen. Am besagten Hof angekommen, stellt sich heraus, dass die Stallanlage zu einem Wohnkomplex umgebaut wurde und es keine Möglichkeit gibt, die Pferde unterzubringen, bzw. die Leute vor Ort keine Lust auf uns haben. Wir müssen weiter, machen aber erst nochmal Pause im Schatten. Wir sind alle vier am Ende. Trinken und Essen tut gut. Die Pferde schlafen. Etwas gestärkt gehen wir wieder los und erreichen endlich den nächsten Pferdehof.
Wir suchen lange, können aber niemanden auf der riesigen Anlage finden. Hannah findet das Wohnhaus und trifft einen älteren, unfreundlichen Mann, der auf seine Tochter verweist die wohl gerade nicht anwesend zu sein scheint. Hannah läuft zu einem anderem Stallgebäude, unterdessen lernt Elisa die besagte Tochter kennen. Sie ist auch nicht begeistert über unseren spontanen Besuch, will zuerst ablehnen, aber Elisa kann sie überzeugen uns aufzunehmen. „Heu habt ihr aber dabei, oder wie?“ „Nee, das konnten wir nicht mitnehmen.“, die Frau scheint etwas verärgert zu sein, lenkt aber ein: „Dann bekommt ihr etwas von uns und wir rechnen das später ab.“ Um vier Uhr sollen die Pferde auf der Nachbarwiese rein geholt werden und dann können wir darauf, aber vorher nicht, da sonst die Pferde unruhig werden könnten. Als sie weg ist, schauen wir uns an und müssen beide breit grinsen: „Scheiße, wir haben das Heu für zwei Wochen vergessen mitzunehmen!“ (die Pferde brauchen ca. 4 Schubkarren pro Übernachtung: 4×16=64 Schubkarren, die wir hätten mitnehmen müssen :D) und „na klar, dass Pferde durch die Zäune gehen beim bloßen Anblick zweier fremder Stuten auf einer anderen Wiese“.. Wir hatten bei dem Gespräch dieselben Gedanken gehabt, unsere Kommunikation läuft mittlerweile wortlos. Wir bringen den Pferden Wasser, satteln sie ab, lassen sie sich auf dem Platz wälzen und warten mit ihnen im Schatten. Amica kippt den Eimer um, das Wasser strömt zügig den schrägen Untergrund hinab zu unseren Sachen. Mühsam und doch eilig stehen wir auf, um unsere Sachen zu retten.

Dann, nach einigen Phasen Phase 10, ist es endlich soweit und wir dürfen die Pferde auf die Wiese stellen und ihnen Heu bringen.
Wir kommen mit einer Einstallerin ins Gespräch, die ganz begeistert ist von unserer Tour: „Ach, sowas würde ich auch gerne machen. Aber mit meinem Pferd geht das nicht.“ Diesen Satz hören wir öfters auf der Wanderung.. Doch, auch mit deinem Pferd geht das! Vielleicht nicht direkt nächste Woche und je nach Typ Pferd auch besser mit einem anderen Pferd zusammen. Auch wir haben viel geübt, die Spaziergänge immer weiter ausgedehnt, den Pferden beigebracht auf die Dinge, die ihm Angst machen, zuzugehen, statt von ihnen weg und schlussendlich, das Wichtigste, uns beigebracht sicher und vertrauenswürdig aufzutreten. Von nichts kommt nichts. Gerne erzählt Hannah an dieser Stelle davon, dass Phoebe 13 Jahre lang auf einer Wiese gelebt hat ohne großartigen Kontakt zum Menschen oder irgendwas anderem. Nach zwei Jahre sind wir von Münster an die Nordsee gewandert. Aber natürlich ist nicht jedes Pferd so einfach wie Phoebe, die nur eine coole Hannah oder Amica braucht. Amica selbst z.B. braucht von Elisa eine konsequentere und strengere Führung, um Vertrauen zu fassen. Pferde sind charakterlich genauso divers wie wir Menschen. Aber wenn man mit Geduld und Hingabe sich mit dem Pferd beschäftigt und versucht ihre Sprache zu verstehen, sind wir fest davon überzeugt, dass man als Team so eine Reise mit jedem Pferd schaffen kann!
Die Hofbesitzerin erscheint ein weiteres Mal, verkündet uns, dass wir doch in den Strohstall dürfen und nicht draußen auf der Wiese schlafen müssen. Sie kippt sogar extra einen Ballen für uns um. Eine andere Einstallerin kommt auf uns zu, kaum haben wir ein paar Worte gewechselt, lädt sie uns zum thailändischen Essen ein: wir bestellen, sie holt ab, bezahlt und bringt es uns dann vorbei. Herzlich lieb! So eine nette Geste kommt ganz unerwartet und wird von uns dankend angenommen..
Wir richten unser Lager auf dem Strohballen ein und gehen nochmal zu den Pferden. Vom Platz lacht uns ein Abschreckparkour an. Wir sind neugierig, wie empfindlich unsere Pferde noch sind und führen sie durch den Parkour. Flatterband und Schwimmnudeln gehen gut, könnten aber noch besser klappen. Naja, solange Großstadt kein Problem ist, sind wir zufrieden. Den Rest können wir auch noch hinterher üben. Beim abendlichen Kontakt mit unseren Eltern erfahren wir, dass es heute Nacht regnen oder gewittern soll. Wir sind froh über die Aussicht ein Dach überm Kopf zu haben, gehen nacheinander auf Toilette und waschen uns intensiv am Waschbecken. Außer dem unangenehmen Gefühl/Wissen staubige Luft zu atmen, ist unser Strohbett sehr gemütlich. Wir kuscheln uns in unsere Schlafsäcken und blicken aus dem offenen Tor nach draußen, ehe wir beide einschlafen.
TAG 6
„Ich würde so gerne mit euch tauschen“
Stockum – Hattingen
22,5 km
In der Nacht fängt es an zu regnen und zu stürmen, so wie hervor gesagt. Zunächst können wir das Tor noch offen lassen. Als es dann aber gegen 2 Uhr anfängt reinzuregnen, klettert Hannah aus ihrem Schlafsack und verschließt beide Türen. Der Regen prasselt laut auf das Hallendach. Der Lärm ist so laut, dass wir uns Sorgen um die Pferde machen. Wir hoffen, dass sie in der ungewohnten Umgebung nicht unruhig werden. Als wir noch einmal aufstehen, um auf Toilette zu gehen, sehen wir, dass all die Sorgen unnötig sind: die Pferde stehen ruhig am Gatter und fressen.

Während wir eine unruhige Nacht verbracht haben und uns dazu entscheiden heute nicht so weit zu laufen, scheinen die Pferde am nächsten Morgen ausgeschlafen. Sie stehen zusammen am Heu, bzw. an der Stelle wo das Heu lag. Sie hatten die Nacht wohl so viel gefressen, dass sie eher vom Hunger als vom Regen geplagt wurden. Wir begegnen nochmal der Stalleigentümerin und wollen „abrechnen“, aber sie wiegelt ab. Sie hatte es sich zu unserer positiven Überraschung anders überlegt und erlässt uns die Kosten!
Wir bepacken die Pferde und laufen an der Straße bis zu einer Landstraße, woneben man am Feld entlang auf Gras laufen kann. Unterwegs treffen wir auf zwei Joggerinnen. Hannah beantwortet ihre Fragen und ist so abgelenkt, dass sie nicht bemerkt, wie Elisa mit Amica stehen bleibt und läuft zur Belustigung der beiden Frauen in Amicas Hinterteil hinein. Jetzt ist auch Hannah wach. Von der Landstraße biegen wir in ein super schönes Waldstück ab. So nah an der Stadt hätten wir nie so viel Natur erwartet. Aus der Ferne hört man noch die Straße, ansonsten erfüllt der Wald all unsere Sinne. Wir gehen ein ganzes Stück schweigend hindurch. Dann wird ein riesiges Gebäude sichtbar. Das Uniklinikum Bochum, wie sich kurze Zeit später herausstellt. Wir lassen die Pferde auf der Wiese davor grasen. Vom Wald, vorbei am Uniklinikum über eine Straße, laufen wir wieder sehr viel städtischer hinter Schrebergärten entlang. Ein Hobbygärtner starrt uns wortlos an, bevor er reagieren kann, verschwinden wir schon wieder aus seiner Sicht.




Wir nehmen alles Grüne mit, was Bochum uns zu bieten hat, überqueren die Autobahn und laufen danach lange auf einem Asphaltweg durch den Wald. Immer wieder begegnen uns Radfahrer, die meist nicht klingeln, sondern sich umständlich an uns vorbei wurschteln und uns alle vier verwundert, manchmal auch erschrocken, hinter sich lassen. Aber es gibt auch die netten Radfahrer, die extra anhalten und uns ausfragen, sich für uns mitfreuen und viel Glück wünschen. Dann öffnet sich der Weg etwas und wir erblicken linker Hand den Kemnader See. Viel größer als erwartet erstreckt er sich so weit, dass es gefühlt Stunden dauert, bis wir das andere Ende erreichen. Wir sind von Bochum begeistert! Hier ist es viel besser als in Dortmund, wo die Menschen so unfreundlich waren. Bochum ist interessiert, offen und erstaunlich grün. Etwa bei der Mitte wird es Zeit für eine Pause. Leider sind die Wiesen von Gänsekot übersäht, aber da haben wir eine Idee: Während Elisa die Pferde in Schach hält, zäunt Hannah ein Stück Wiese zwischen mehreren Bäumen mit Litze und Stricken ab, dann lassen wir die Pferde darauf. Nun können wir alle vier ganz sorgenfrei und entspannt ausspannen, ohne uns gegenseitig auf den Keks zu gehen, denn die Pferde können selbst wählen, wo sie fressen wollen. Wir essen etwas, dann versucht Hannah ein Nickerchen zu machen und Elisa von Spaziergängern unbemerkt pinkeln zu gehen. Auch die Pferde sind nach einer Weile satt. Phoebe schläft in der Sonne, Amica nutzt die freie Zeit und versucht auszubrechen.
Nach einer Weile sehen wir einen großen Rasenmäher der Stadt am Wegrand anhalten. Ein Mann schwingt sich aus dem Fahrzeug und steuert auf uns zu. Wir wappnen uns innerlich gegen einen Anschiss. Mit ernster Miene sagt er: „Ihr seid euch darüber bewusst, dass Reiten und Campen nicht erlaubt und eine Ordnungswidrigkeit darstellen.“ Wir sehen uns an und antworten „Wir machen ja beides nicht.“. „Ja, das sehe ich“ sagt der Mann bedächtig und fügt dann ein „Ich sage das nur so“ hinzu. Wir nehmen das zur Kenntnis und warten bis er verschwindet. Vielleicht um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, es kommt aber eher wie eine Drohung rüber, bleibt er noch minutenlang wortlos neben uns stehen, sieht sich die Pferde in unserer Gehegekonstruktion an und verschwindet dann mit einem „Ich wünsche noch viel Spaß“, das eher klingt, als würde er das Gegenteil meinen.





Wir bleiben nicht mehr lange, packen zusammen und wandern wieder los. Wir treffen ein junges Pärchen mit Hund. Der Typ ist so begeistert und interessiert, dass wir das Gefühl haben, er würde uns jeden Moment die Hand seiner Freundin und die Leine des Hundes in unsere Hände drücken und mit den beiden Pferden durchbrennen. Bevor er in Versuchung kommt verabschieden wir uns, überbrücken den Kemnader See, laufen durch ein Naturschutzgebiet, dann über eine große Kreuzung und im Anschluss erreichen wir den ersten richtigen Berg. Und was für einer! Es ist als wolle er uns absichtlich an unsere Grenzen bringen. Zuerst kommt ein langgezogener, steiler Anstieg. Dann ein schmaler, sehr schöner Pfad, der sich immer enger den Berg hochwindet und schließlich so steil wird, dass wir um die Pferde bangen, die mit dem Gepäck deutlich weniger wendig sind, als sonst. Jetzt heißt es Augen zu und durch, denn wenden können wir nicht mehr. Für die Pferde ist es jetzt wichtig, dass wir mit Schwung hoch laufen, auf keinen Fall langsamer werden, das würde für sie eine nur noch größere Anstrengung bedeuten. Es scheint kein Ende zu geben, der Weg ist gnadenlos und ohne Verschnaufpause schmal und steil. Wir beißen die Zähne zusammen, als es zusätzlich noch durch Brombeeren, Brennnesseln und Ilex geht, dann endlich erreichen wir eine steigungsfreie, asphaltierte Straße. Wir gehen zunächst weiter, warten noch mit der Bestandsaufnahme einen Moment, bis wir an einer ruhigen Stelle stehen bleiben. Nach einer solchen Anstrengung ist es lebensnotwendig die Pferde erstmal weiter zu bewegen und langsam runterzufahren, denn ein plötzlicher Stopp kann Blutgefäße zum Platzen bringen. Entwarnung: das Gepäck sitzt noch an Ort und Stelle und bis auf ein paar Kratzer sind wir alle unversehrt. Wir sind nicht nur erleichtert, sondern auch stolz wie wir und unsere tapferen Pferde diese durchaus brenzlige Situation gehandhabt haben. Bloß keinen auf der App als schwarz deklarierten Weg mehr, nehmen wir uns nach dieser Erfahrung vor. Es geht weiter in ein kleines Wohngebiet, in dem wir unseren weiteren Wanderweg als großes, nicht durchdringbares Gebüsch vorfinden. Die App zeigt uns keine Alternative an, zurück können und wollen wir nicht. Wir müssen Anwohner fragen, die uns schließlich auf einen anderen Wanderweg schicken. Jetzt zeigt sich der Berg doch gnädig und liefert keine unangenehmen Überraschungen mehr, sondern glänzt mit angenehmen Waldwegen, bis sich der Wald öffnet und wir uns oberhalb einer Schnellstraße wiederfinden. Links und rechts sind weite Wiesen. Perfekt für Pferde. Und tatsächlich sehen wir auf der anderen Straßenseite auch welche. Wir fragen am ersten Haus nach und werden auf die andere Seite verwiesen. Ein älteres Ehepaar öffnet uns die Tür. Die Tochter ist für die Pferde, die allesamt von Einstallerin sind, verantwortlich und macht gerade aber Urlaub auf Teneriffa. Leider ist sie nicht erreichbar und auch ihr Sohn, der sich in der Zeit um die Pferde kümmert, weiß nicht weiter. Während die Dame dafür ist uns abzuweisen, weil sie keine Verantwortung tragen möchte, setzt sich der Mann zu unserem Glück durch und zeigt uns eine Wiese, die wir direkt nehmen. Wir dürfen im Stall bei den anderen Pferden, die abends vom besagten Enkel reingeholt werden, schlafen. Wir versorgen die Pferde und setzen uns auf den Weg zwischen den Wiesen, um zu essen und Karten zu spielen. Was würden wir gerade alles tun, nur um duschen zu können. Da wir uns nicht trauen das ältere Ehepaar um solch einen großen Gefallen zu bitten, überlegen wir uns den Enkel, der in unserem Alter ist und dementsprechend bestimmt unser Leid nachvollziehen kann, zu fragen, sobald er auftaucht. Wir haben wirklich große Hoffnungen in ihn und einer möglichen Connection, aber werden bitter enttäuscht: Als wir ihn das erste und letzte Mal an diesem Tag sehen, er verlässt gerade den Stall in Richtung Wohnhaus, und wir Augenkontakt suchen, um ihn so charmant wie möglich zu begrüßen, sieht er uns und eilt im Laufschritt davon.
Sehen wir schon so schlimm aus? Elisa sieht prüfend Hannah an und Hannah Elisa. Es werden Augenbrauen hochgezogen und Nasen gerümpft. Dann zucken wir mit den Schultern, stehen auf und richten unser Lager im Stall ein. Wir nutzen den Misthaufen als Toilette und einen kaputten Eimer als Waschbecken. Etwas traumatisiert von vorgestern überlegen wir uns schon den nächsten Hof zu kontaktieren, damit wir morgen stressfreier ankommen können. Leider scheint es Nähe Wuppertal nicht viele sympathische Ställe zu geben. Und die, die uns gefallen haben keinen Platz. Dann finden wir doch noch einen, aber begeistert hört sich der Herr am Telefon auch nicht an. Und ein Stück Wiese kann er uns nicht bieten. Nur zwei Boxen. Naja, vielleicht finden wir unterwegs noch etwas besseres auf kleineren Höfen, die keine Internetpräsenz haben..
Heute Nacht, bzw. morgen früh soll es regnen. Wir achten darauf, all unsere Sachen mit in den Stall zu nehmen. Bei den ersten Höfen war es so trocken gewesen, dass es nicht mal Tau gab, aber hier in der Region sieht es wieder ganz anders aus. Die Wiesen sind deutlich grüner und die Nächte kühler. Und die Regenvorhersage gibt ihr übriges, dass wir froh sind drinnen schlafen zu dürfen und bestimmt müssen wir auch Schlaf aus der letzten Nacht aufholen, denken wir und legen uns früh schlafen.
TAG 7
„Aber die Äppel macht ihr noch weg, oder?“
Hattingen – Ehrenberg
25,1 km
Diese Nacht geht als Horrornacht in unsere Wanderung ein und ist mit Abstand die schlafloseste. Eines der Pferde hustet fast die ganze Nacht durch und wenn es nicht hustet, dann atmet es hörbar schwer. Dazu werden wir beide durch einen lauten Rums aufgeschreckt. Hannah ist davon überzeugt, Zeugin eines wortwörtlichen Todesfalls geworden zu sein und zerrt Elisa aus ihrem Schlafsack. Zusammen luken wir um die Ecke. Offenbar hatte sich die Stute nur hinlegen wollen, aber durch ihre Unbeweglichkeit war ihr dies weder elegant, noch unbemerkt gelungen. Aber sie lebt! Wir sind „beruhigt“ und legen uns wieder hin. Kurze Zeit später klingelt der Wecker und wir packen unsere Sachen zusammen, um so schnell wie möglich den Hof hinter uns lassen zu können.

Als wir uns gerade angezogen haben, sehen wir, wie eine Hand von außen nach innen greift, um das Tor zu öffnen. Der Enkel kommt rein, füttert wortlos die Pferde und sucht, kurz bevor er wieder verschwindet doch noch das Gespräch. „Braucht ihr noch was?“, „Jetzt nicht mehr.“ denken wir, sagen das aber nicht, sondern verneinen und bedanken uns stattdessen. Die Pferde haben super geschlafen und erwarten uns schon. Just da fängt es an zu regnen, wir holen sie in den Stall, putzen und bepacken sie. Phoebe scheint vor Energie zu sprühen, sie ist unruhig und äppelt viel. Endlich hat Hannah alles wieder sauber gemacht und wir können los. Ein Stück Landstraße, dann geht es in den Wald und von dort auf eine sehr steile Straße. Der Wald wird lichter und gibt die Sicht auf weite Kuhwiesen und kleine Bauernhöfe frei. Wäre da nicht der Regen, hätte es einen wunderbaren Wandertag ergeben.
Wir erreichen einen Ort und von dort aus gelangen wir auf einen Wanderweg, bzw. eine Fahrradstrecke, die auf einer früheren Bahntrasse liegt. Auf dieser wandern wir fast den ganzen restlichen Tag. Als wir an einem Aldi vorbei kommen, hält Elisa die Pferde fest, die ganz ruhig unter dem Vordach in Trockenen warten, während Hannah hinein geht, um unsere Reserven aufzufüllen. Dabei fährt ein Wagen vorbei, das Fenster wird runtergekurbelt und ein Handy lichtet Elisa mit den beiden Pferden ab, ohne ein Wort fährt der Wagen davon. Hannah kommt heraus und es geht weiter. Wegen einer Baustelle müssen wir ein ganzes Stück Umweg laufen. Der nicht aufhören wollende Regen drückt ebenfalls unsere Stimmung.
In einer Pause tritt Hannah dann auch noch in einen riesigen Haufen Hundekacke, als sie ihr Gleichgewicht durch ein plötzliches Ziehen von Phoebe zu einem Grasbüschel, zu verlieren droht. Elisa geht es nicht besser. Ihre Schuhe sind undicht und an ihren nassen Füße bilden sich noch schneller Blasen. Die Pferde tragen über ihrem Gepäck große Plastikplanen und wir selbst über uns und die Rucksäcke Regencapes. All der Regenschutz verhindert aber leider auch, dass wir uns unterwegs kaum mit Trinken und Essen versorgen können, bzw. das daran kommen sehr erschwert wird. Also auch Frustessen bleibt aus.
Nach der nächsten Kurve sehen am Ende des Weges ein großes schwarzes Loch. Als wir davor stehen, ist klar, dass unser Weg nicht daran vorbei führt, sondern geradewegs hinein. Ein Ende der Dunkelheit ist nicht ausmachbar. Oben sind Lampen angebracht, die aber nur wenig Abhilfe schaffen. Obwohl uns etwas mulmig ist, auch weil außen nicht dran steht, wie lang der Tunnel ist, entscheiden wir uns dazu, hindurch zu gehen.



Zu unserer eigenen Überraschung folgen die Pferde ohne zu zögern und bleiben bis zum Ende der 800m, wir erfahren hinterher dass es sich um den Scheetunnel handelt, gelassen. Wieder draußen bieten wir ihnen zur Belohnung eine Pause auf einer kleinen Wiese an. Hannah löst Phoebes Strick, um selbst die Beine hochlegen zu können. Elisa witzelt noch, dass Phoebe ja nicht freiwillig nochmal durch den Tunnel laufen würde, als genau eben dies passiert und Hannah aufspringen muss, um Phoebe vorher abzupassen. Der Regen hört auf und wir laufen zu einer größeren Wiese, packen unsere Regencapes ein und genießen das Sonnenlicht.
Die Umgebung wird wieder städtischer. Wir queren eine große Kreuzung. Über uns befindet sich eine Autobahnbrücke, darunter eine Baustelle und um uns lauter Stadtverkehr, aber die Pferde lassen sich nicht beunruhigen.
Unser erster Anlauf einen Hof zu finden, lässt uns erneut die Autobahn per Tunnel queren. Leider werden wir abgewiesen und müssen ein ganzes Stück wieder zurück laufen. Der nächste Hof, wir hatten hohe Erwartungen, steht leer. Wir müssen durch einen Teil Wuppertaler Industriegebiet laufen, die Bürgersteige sind so zugeparkt, dass sie uns auf die Straße zwingen, auf der viele LKWs fahren. Aber es scheint fast so, als würden die Pferde alles ausblenden, alles egal sein, Hauptsache weiter. Jetzt laufen wir schlussendlich doch zu dem Hof, den wir vorher kontaktiert hatten. Ein schmaler, sehr steiler Pfad führt aus dem Industriegebiet raus in den Wald. Wir kommen auf diesem letzten Stück alle auf unsere Kosten und können den Ausblick der sich uns bietet kaum fassen, als wir endlich die Bergkuppe erreichen. Zu unseren Füßen liegt Wuppertal!
Nach einer Weile Sucherei finden wir endlich den Hof. Der Eigentümer ist nicht da, wohl aber sein Vater. Er zeigt uns zwei kleine, dunkle Boxen, die weit auseinander liegen. Da können wir nicht unsere Pferde rein stellen! Besser wir gehen doch zum Bauern und fragen dort nach einer Wiese.. Hannah erklärt, ihre Stute kenne Boxen nicht und würde darin nervös werden. Der Mann antwortet freundlich, dass sie noch eine kleine Wiese haben, die er uns gerne zur Verfügung stellen kann. Neugierig folgen wir ihm zu einer Wiese, die zwar in der Tat klein und durch Schafe abgefressen, aber dennoch groß genug für eine Nacht mit Heu ist und stimmen der Übernachtung zu. Gerade als wir die Pferde losgemacht haben, erscheinen die drei Köpfe der eigentlichen Bewohner der Wiese. Alle Anwesenden sind ähnlich verdutzt sich zu sehen. Nur der alte Mann scheint sich der Überraschung, die die Pferde den drei Schafsböcken und die drei Schafsböcken uns und den Pferden bereitet haben, nicht bewusst zu sein.
Wir dürfen in einer der Boxen übernachten und sogar im Wohnhaus die Dusche benutzen, wovon wir nacheinander Gebrauch machen und es richtig genießen. Die erste Dusche nach vier Tagen! Es dauert nicht lange und der Eigentümer fährt auf den Hof. Er ist alles andere als begeistert die Pferde auf der Wiese zu sehen. Er wirft uns vor, uns nicht an die Abmachung gehalten zu haben. Zum Glück können wir ihn beschwichtigen und obwohl es einen Moment dauert, wird er langsam gesprächiger und erzählt uns vom Hof und von dem was er macht. Der Anblick von Phoebe, die ruhig mit den Schafen zusammen Heu frisst, überzeugt ihn davon, dass die Schafe nicht durch die Pferde gestört werden.
Wir kochen uns zwei Tüten gewürzten Reis, essen, beobachten das Schwalbennest an der Decke unserer Box, spielen eine Runde Karten und versorgen die Pferde nochmal mit ordentlich Heu und Wasser, bevor wir uns um 20 Uhr (psst, das muss unter uns bleiben!) schlafen legen.
TAG 8
„Und das funktioniert so?“
Ehrenberg – Buchholzen
16,4 km
Die Nacht verläuft eigentlich gut, nur Hannahs Unterbewusstsein will nicht so recht zur Ruhe kommen, sodass sie, wie schon auf der Wanderung im vorigen Jahr, nicht nur unruhig schläft, sondern auch zwischendrin im Halbschlaf sich aufsetzt und aufgeregt redet, weil sie davon träumt, dass Phoebe mit in der Box steht. Elisa wiederum kann das nicht einordnen und ist nur genervt von dieser redenden Hannah, dreht sich auf die andere Seite und schläft weiter. Der Tag startet mit Nieselregen. Beim Zusammenräumen läuft uns der Hofbesitzer über den Weg. Er lässt, wie jeden Morgen, seine Brieftauben fliegen. Wir lassen uns das Spektakel nicht entgehen und recken die Gesichter gen Himmel. Die Tauben fliegen in einer Schar aus ihrem Haus raus und kreisen über dem Hof. Als wir den Bauer fragen, wie viel wir zahlen sollen, winkt er wider der Abmachung ab. Wir freuen uns, dass wir wieder Geld gespart haben und bedanken uns für die Großzügigkeit. Wir gehen rüber zu den Pferden, aber nur Amica begrüßt uns, denn Phoebe reagiert auch nach mehrmaligen Rufen nicht. All ihre Aufmerksamkeit ist den Wallachen auf der anderen Straßenseite gewidmet. Sie steht breitbeinig am Zaun und wiehert ihnen zu, sie wiederum schauen zu ihr hinüber ohne recht zu wissen, worum es geht. Phoebe ist rossig, hat also ihren Eisprung und ist deswegen auch weniger anhänglich Amica gegenüber als sonst, wenn wir unterwegs sind. Stattdessen ist sie hormongesteuert auf der Suche nach ihrem Hengst fürs Leben, oder eine Nacht :D. Wir führen Amica von der Wiese und im letzten Moment dreht sich Phoebe um und folgt uns wenig begeistert. Hannah stülpt das Halter über ihre Ohren und flüstert ihr als Trost zu, dass sie eines Tages einen „richtigen“ Casanova kennen lernen wird.
Wir bepacken die Pferde und machen uns vom Acker, bzw. durchs Dorf in den Wald. Wir gehen größtenteils bergab, womit sich die Pferde etwas schwer tuen. Sie laufen steif und hölzern, sind ja auch nur das Flachland gewohnt.. Zum Glück spielt das Wetter mit, es ist zwar bewölkt, aber ohne Regen. Wir kommen ins Tal, vorbei an einem Stausee und laufen dann in der Hügellandschaft auf und ab. Dann wird unser Weg von einem Bach ohne Brücke durchkreuzt. Direkt vor uns ist die Furt, das Wasser steht für unsere Schuhe aber zu hoch. Links führen Trittsteine rüber, daneben aber keine Furt für die Pferde. Wir gehen unsere Möglichkeiten durch, entscheiden uns dann für das einfachste: Elisa geht über die Trittsteine auf die andere Seite. Hannah macht Amica los und schickt sie durch das Wasser. Elisa feuert Amica an, bis diese versteht. Dann macht Hannah auch Phoebe schnell los und läuft selbst über die Trittsteine, um Phoebe zu empfangen. Beide sind drüben angekommen und wir freuen uns so sehr, dass wir sie nicht direkt wieder fest machen, da macht Amica kehrt und läuft wieder durch die Furt auf die andere Seite. Hannah nimmt die Beine in die Hand, rennt über die rutschigen Trittsteine, zum Glück geht alles gut und fängt Amica ein. Beim nächsten Versuch klappt’s und wir gehen weiter.


Nach ungefähr 10 km wird es ein bisschen städtischer und wir erreichen das gute alte Lennep, wovon wir zuvor noch nie etwas gehört haben. Lennep ist, wie der Name eigentlich schon verrät, klein aber fein, nichts besonderes, aber schön und mit einem von außen sympathisch wirkenden Gartencenter, den wir beide, wenn uns unser Weg nochmal nach Lennep führen sollte, auch von innen besuchen wollen. Darüber hinaus verfügt Lennep auch über große Namen wie Edeka und Aldi, die direkt an einem Park liegen und damit absolut empfehlenswert für einen Einkauf mit zwei Packpferden sind. Elisa bespaßt die Pferde, während Hannah mit dem Auftrag, dass der Einkauf für die nächsten Tage reichen muss, hineingeht. Sie shoppt für 30€ Fertiggerichte, die Taschen werden gefüllt und wir chillen noch ein bisschen auf der Wiese, bis die Pferde auch anfangen zu chillen und uns so zeigen, dass sie satt sind.
Wir laufen weiter, sehen das Muschelsymbol auf dem Boden und freuen uns darüber, auf dem Jakobsweg zu wandern. Hannah läuft mit Phoebe vorne, als ein Mann an einem Café sie anspricht und fragt, ob er ein Foto machen könne. Sie stimmt zögerlich zu. „Beißt der?“, „Nein“. Der Mann greift nach Phoebes Führstrick, drückt kurzerhand die perplexe Hannah weg und lässt sich lachend von einem Freund ablichten. Überfordert von dieser Dreistigkeit gehen wir stumm weiter und ärgern uns dafür umso mehr, als wir unsere Stimmen wiederfinden. Wir kommen an eine riesige Kreuzung und sind froh, Lennep hinter uns lassen zu können. Endlich im Wald atmen wir tief die Luft ein und aus und fühlen uns gleich besser. Elisa wartet, bis der letzte Hundebesitzer außer Sichtweite ist und hockt sich dann zum Pinkeln an den Wegrand. Amica tut es ihr gleich und auch Hannah packt es jetzt, wo sie es plätschern hört. Nur Phoebe hält es wohl noch aus. Amüsiert gehen wir weiter durch wunderschönes potentielles Ausreitgelände und treffen unterwegs eine Wiese mit Alpakas.


Wir laufen einen Berg hinauf, als die Bäume immer weniger werden und an ihrer Stelle große Pferdewiesen sichtbar werden. Am nächsten Haus halten wir an, klingeln und eine Dame öffnet die Tür. Sie macht große Augen, als sie uns und die Pferde erblickt und hört gespannt zu, als wir uns erklären. „Da muss ich erstmal meinen Mann fragen, der ist gar nicht da. Ich muss den anrufen. Aber das kriegen wir schon hin“ sagt sie und geht wieder hinein. Die Tür lässt sie aber offen stehen, sodass wir hören können, wie sie „scheinen sehr freundlich“ sagt. Wir grinsen uns an mit dem Wissen gute Chancen zu haben. Sie kommt zurück und führt uns zu einer sehr schönen Wiese. Wir dürfen in einer Box, die an die Wiese grenzt übernachten und die Gästetoilette benutzen, wo es warmes Wasser gibt. Und sollte jemand fragen, dann sollen wir mit „Inge und Rainer wissen Bescheid“ antworten. Soso Inge und Rainer..

Wir laden ab, stellen die Pferde auf die Wiese und unsere Sachen in die Box. Da fängt es auch schon an zu regnen, bzw. zu donnern und wir sind glücklich gerade angekommen zu sein. Wir richten uns in der Box ein, finden eine kleine Klapptür, vllt 30×30 cm groß, öffnen sie und sehen unsere Pferde auf der Wiese stehen. Es klopft an der Boxentür, Inge fragt, ob wir einen Tee trinken möchten, jetzt, wo die Luft so schnell abgekühlt ist. Die Aussicht auf ein Heißgetränk ist berauschend. Inge kommt später ein weiteres Mal mit Kanne Tee Nummer zwei und lädt uns dann auch zum Abendessen ein. Das nehmen wir mit Freuden an. Es gibt Brot und für jeden mehrere Spiegeleier. Dazu reden wir über den nächsten Tag, erfahren dass Dauerregen angekündigt ist und entscheiden uns dazu noch einen Tag zu bleiben. Mit der Entscheidung werden wir auch gleich zum Frühstück eingeladen. Eine solche Unterkunft ist alles andere als selbstverständlich und war doch genau das, wovon wir die ganze Zeit über geträumt hatten.. Wenn man lange draußen unterwegs ist, schätzt man eine so herzliche Gastfreundschaft nochmal deutlich mehr. Aber nicht nur unsere Gastgeber sind besonders lieb, auch mit ihren Einstallern lässt sich gut quatschen und sie zeigen uns dazu Wasserkocher und Getränkebeutel, bzw. -pulver. Wir versorgen die Pferde in einer Regenpause nochmal mit ordentlich Heu und machen dann um 22 Uhr das Licht aus.
TAG 9
„Wie kommt man auf so eine Idee?“
Buchholzen
Fälschlicherweise hatten wir uns vom Temperaturumschwung etwas zu sehr einschüchtern lassen und nachts geschwitzt, aber mit dem Ablegen einiger Schichten war das Problem schnell gelöst. Pünktlich um 9 gehen wir rüber und werden zum zweiten Mal auf dieser Wanderung von einem dicken Frühstückstisch überrascht, statt den üblichen zwei Proteinriegeln. Dazu wird uns geraten noch Brötchen für den restlichen Tag zu schmieren, da beide auf einem 80. Geburtstag eingeladen sind. In zwei Stunden tauschen wir uns intensiv aus und lernen über den Hof, Familiengeschichte und Fachwissen rund um Rainers Beruf, Waldarbeiter, dazu. Worum es auch geht, wir sind gefesselt und vergessen die Zeit, so sympathisch sind uns die Zwei. Irgendwann wird es dann doch Zeit und wir setzen uns in unsere Box, bzw. unser Appartement, denn so fühlt es sich mittlerweile an. Wir hören, wie der Regen den ganzen Tag auf das Dach prasselt, so wie es auch vorausgesagt war. Zwischendrin linsen wir durch die Klapptür zu unseren beiden Hotties, die wahlweise mal am Heu mümmeln, mal auf der Wiese grasen.
Hannah schläft für zwei Stunden, Elisa geht solange spazieren. Ansonsten beschäftigen wir uns mit Skipbo, Phase 10, Telefonaten in die Heimat, Musik, Planungen zum weiteren Streckenverlauf, Tee trinken und Brötchen essen. Wir werden sogar von einer der Einstallerinnen mit Waffeln versorgt und dürfen nachmittags die Dusche im Haus benutzen. Eine Wonne für uns!
Abends bestellen wir uns zusammen Pizza und schaffen es nicht rechtzeitig zum Bezahlen aus unserem Appartement raus, sodass wir eingeladen werden, statt selbst einzuladen.. Wir essen zusammen in der Küche, verlieren uns erneut in Gesprächen und huschen später, gegen 23 Uhr, in der Dunkelheit rüber. Wäre es nicht schon so spät gewesen, hätten wir noch ewig weiterreden können. Wir fangen an unsere Sachen zu packen, aber bringen es nicht zum Ende, sondern schlafen vorher ein, haben uns ja schließlich schon für 7:30 zum Frühstück verabredet.
TAG 10
„Eine solche Reise werdet ihr euer ganzes Leben lang nicht vergessen“
Buchholzen – Wermelskirchen
19,3 km
Eigentlich wollten wir alles gepackt haben, bevor wir rüber zum Frühstückstisch gehen, weil wir sowieso später starten würden, als sonst. Dann kommt aber alles anders, als erwartet: wir verschlafen. Hannah liegt schon länger „wach“ im Halbschlaf, als sie sich langsam anfängt zu fragen, warum es schon so hell, bzw. die Sonne schon aufgegangen ist, obwohl die Zeit dafür noch nicht gekommen ist. Irgendwann zweifelt sie doch am Handywecker, statt an der Sonne, schaut aufs Display, sieht die Ziffern und schaut jetzt nochmal mit aufgerissenen Augen darauf: 07:38 zeigt die digitale Uhr. Sie schreckt auf und rüttelt panisch an Elisas Oberkörper. Wir sollten schon seit 8 Minuten am Tisch sitzen! Gemeinsam springen wir aus den Schlafsäcken, wuseln durcheinander, bis wir uns endlich so weit gekramt haben, dass wir das Appartement alias die Box verlassen können. Rainer und Inge haben sich tatsächlich schon gedacht, dass wir verschlafen haben und noch nicht angefangen, als wir ungefähr um Viertel vor 8 die Küche betreten.
Wieder fällt es uns schwer das Gespräch zu beenden, aber wir müssen los! Etwa eine Dreiviertelstunde später kehren wir also zurück in unser Appartement, packen den Rest unserer Sachen ein und holen die Pferde. Um 10 Uhr kommen wir los und verlassen schweren Herzens Buchholzen nachdem wir versprochen haben eine Postkarte zu schicken, sobald wir angekommen sind. Wir sind beide, eigentlich sogar alle vier, sehr gut gelaunt. Pausentag, heiße Dusche und liebe Menschen haben uns wieder aufgebaut, unsere Kraftreserven sind aufgefüllt.
Der Weg der sich uns bietet ist wunderschön, begleitet von einem kleinen Bach mit klarem Wasser, zwar etwas steinig und felsig zwischendrin und damit für die Pferde etwas schwierig begehbar, aber ansonsten ganz toll durch unsere Lieblingsumgebung: Wald. Er ist zudem ein Vorgeschmack von dem was uns heute bevorstehen wird, denn die Wanderwege durch den Wald sind leider nicht nur zwischendrin etwas schwierig, sondern teilweise gar nicht mehr pferdegerecht und das obwohl wir größtenteils auf dem eigentlich auch für Reiter ausgelegten Jakobsweg unterwegs sind. Naja, die erste Herausforderung ist nicht dem Weg geschuldet, sondern einer Hundebesitzerin, die ihren um uns herumspringenden Hund weder im Griff hat, noch sich darum schert, dass sie ihn nicht im Griff hat. Wir bitten sie schon aus einiger Entfernung darum, ihn an die Leine zu nehmen, aber sie überhört jegliche Aufforderung, sondern telefoniert nur munter weiter. Erst als sich auch andere Spaziergänger kopfschüttelnd nach ihr umdrehen, versucht sie ihren Hund am Halsband zu packen, was ihr nach einer halben Ewigkeit auch gelingt. Die Pferde sind zwar hundesicher und bleiben ruhig, aber wir können und wollen nicht unsere Hand dafür ins Feuer legen, dass sie nicht doch mal nach einem schlagen, wenn dieser ihnen zu nahe kommt. Dass wir also eher aus Sorge um den Hund handeln, will die Frau nicht wissen und wir sind froh, als sie endlich weg ist.
Wir lassen die Pferde aus dem Bach trinken und laufen weiter, bis aus dem Weg plötzlich eine Treppe wird und nur links ein verdammt schmaler Pfad am Abgrund entlang steil runter führt. Letzteren überlegen wir nur kurz zu nehmen. Nein, das ist uns zu gefährlich. Es bleibt nur die Treppe. Zu unserem Erstaunen klappt diese gar nicht mal so schlecht. Die Pferde scheinen immer mehr verstanden zu haben auf ihre Hufe zu achten und sie zielgerichtet zu setzen. Dennoch wollen wir nicht unbedingt auf diesem Weg bleiben und lassen uns durch ein vorbeikommendes und interessiertes Pärchen einen alternativen Weg erklären. Dieser führt uns an einigen sehr weitern, schönen Wiesen vorbei, wo wir die Pferde erstmal ausgiebig fressen lassen, was sie sich auch auf jeden Fall dreifach verdient haben.




Schließlich wird auch dieser Weg nach einigen Kilometern immer schmaler. Und dann kommen Baumstämme, die so blöd auf den Weg gefallen sind, dass ein Vorbeikommen nur schwer oder gar nicht möglich ist. Beim ersten sind wir schon ganz verzweifelt, weil nicht nur die Höhe für Amicas Gepäck ein Problem darstellt, sondern auch die Äste der Fichte selbst abgebrochen noch wie scharfe Spieße in die Luft ragen und uns Angst machen, nicht ohne ein aufgeschlitztes Pferd durch zu kommen. Zum Glück begegnet uns im rechten Moment, kurz bevor wir schon aufgeben wollten, zwei sehr nette Hundespaziergänger, die uns helfen die Situation einzuschätzen, den riskantesten Ast noch etwas verkürzen, dann Amicas Gepäck abladen, sie helfen durchzuführen und wieder aufzupacken, sowie Phoebe korrekt durch zu navigieren. Wir sind ihnen zutiefst dankbar, so haben sie uns doch einen riesigen Umweg erspart.
Wir gehen mehrere Kilometer weiter ohne größere Probleme, dann treffen wir auf den nächsten querliegenden Baumstamm. Weder links noch rechts geht es vorbei und es existiert auch kein Parallelweg. Hannah bekommt Phoebe noch mit Mühe und Not drüber, dann aber kommen uns zwei Jogger entgegen, die uns davon abraten den Weg weiter zu verfolgen, da noch weitere solcher Baumstämme quer liegen sollen. Einen Alternativweg kennen sie aber auch nicht. Nur halt die Straße. Straße nehmen wir! Die Zwei reagieren überrascht, die Landstraße sei nicht ungefährlich, so wie die Leute teils die Serpentinen entlang rasen, aber wir manövrieren Phoebe selbstsicher zurück und schlagen den Weg zur Straße ein.





Mulmig ist uns schon, als wir sie hoch kraxeln. Insbesondere wann immer wir Motorräder oder aufheulende Motoren hören, hoffen wir, dass uns die Fahrer noch rechtzeitig sehen, denn ausweichen können wir nicht großartig und einen Fahrrad- oder Fußgängerweg gibt es auch nicht. Wir lernen, dass es die sehr netten Motorradfahrer gibt, die extra langsam und rücksichtsvoll uns überholen und die Assis, die kaum abbremsen, mit wenig Abstand und starker Beschleunigung an uns vorbeiheizen. Wir kommen oben an, machen drei Kreuze und ein Hurra auf unsere Pferde und stehen vor der nächsten schweren Entscheidung: Entweder wir laufen weiter die ganze Zeit an einer Landstraße entlang, die am Anfang noch Radweg hat, später nicht mehr, oder wir probieren nochmal einen schwarzen Weg aus. Nach langem Hin und Her entscheiden wir uns für Letzteres und bereuen es hinterher sehr, da wir nicht nur massig Zeit verlieren, sondern auch die Lust am Laufen, nachdem wir durch Ilex-Gebüsch hangabwärts gestapft sind und im Endeffekt doch umkehren müssen. Wir gehen auf Empfehlung dreier Anwohner, die auch keine bessere Idee haben, die Straße entlang bis wir linker Hand einen Hof sehen. Es stellt sich heraus, dass dieser allerdings nur Isländer beherbergt und „keinen Platz“ für uns hat. Wir gehen weiter, sehen einen kleineren Hof ein paar Häuser weiter, klingeln an der Tür, aber nichts passiert. Schade, der Hof sieht eigentlich ganz nett aus. Wir fragen einen der Nachbarn und er bietet an die Besitzerin anzurufen, kann sie aber nicht erreichen, sodass wir weiter gehen. Nach 5 Minuten holt uns der Sohn des Nachbars mit seinem Roller ein und erklärt, dass sich die Besitzerin doch gemeldet habe und uns gerne aufnehmen möchte. Erleichtert kehren wir um. Die Stallbesitzerin ist hin und weg von Phoebe, als sie erfährt, dass es sich bei ihr um einen Araber handelt. Sie lädt uns zu sich Zuhause ein, schnappt sich ein Schloss und führt uns anschließend zu einer großen Wiese mit Schafen darauf. Gerade ist auch der Schäfer da, der uns bittet noch etwas länger zu bleiben, bis er mit dem aufgefüllten Tränkanhänger zurückkommt.


Die Frau kehrt unterdessen schon wieder heim, um das Gästezimmer vorzubereiten. Zuvor mussten wir ihr versprechen beim Verlassen der Wiese das Tor mit dem Schloss zu sichern. Wir stimmen zögernd zu. Sehen uns dann den Zaun an und finden, dass, wenn jemand wirklich unsere Pferde klauen wollen würde, definitiv nicht durch das Tor einbrechen würde, mit oder ohne Schloss.. Als der Schäfer zurückkehrt kommen wir mit ihm ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass er der Besitzer des Isländerhofes ist und dieser sehr wohl noch Platz für uns gehabt hätte. Er verabschiedet sich und fügt hinzu, dass er hofft, dass wir von der Dame nicht über den Tisch gezogen werden und dass sie etwas schräg sei. Mit mulmigen Gefühl machen wir uns auf den Rückweg zum Hof. Dort angekommen, dauert es erstmal eine halbe Ewigkeit bis die Dame uns die Tür öffnet. Wir werden zum Gästezimmer geführt und wissen gar nicht, wie uns geschieht. Wir sind so überfordert, denn alles ist komplett voll gestellt.. Größtenteils mit Bildern und Statuen von arabischen Pferden, aber auch Büchern, Puppen, Zaumzeug, Deko, alles.. Während Hannah über das Messitum hinweg sehen kann und sich über das große Bett mit Matratze und dicker Bettdecke freut, sowie der Möglichkeit Duschen zu gehen, kämpft Elisa mit ihrem Unwohlsein. Die Dame lädt uns zum Tee und schließlich auch Abendbrot in die obere Etage ein. Dort sieht es nicht besser aus. Das Haus ist riesig und doch gibt es kaum Platz. Außerdem hat sie zwei alte Hunde. Der eine ist inkontinent, der andere blind und taub und in einer Tour am bellen. Wir trinken Tee und essen Toastbrot und quatschen mit der Dame, die ganz begeistert von sich selbst und ihrem Leben ist. Hannah vertieft sich tatsächlich in einem Gespräch über arabische Pferde mit ihr, muss aber schnell feststellen, dass die Dame kaum „aktuelles“ Wissen hat. Stolz zeigt sie uns Fotos von beiden Arabern, die sie im Laufe ihres Lebens besessen hat. Wir erblicken das Foto eines Arabers und danach eines Quarter Horses, so scheint es und sind enttäuscht. Ob sie denn auch Distanzen geritten ist? Nein, aber den ein oder anderen Ausritt von 20 Kilometern. Wir nicken bedächtig, beenden vorsichtig das Gespräch, gehen nacheinander duschen und verziehen uns dann ins Gästezimmer. Unter den gemalten Augen von Estopa, Skowronek und Ghazal schließen wir die unsere und schlafen bald ein.


TAG 11
„Schau mal, Mama! Amadeus und Sabrina!“
Wermelskirchen – Köln Mülheim
22,0 km
Wir hatten uns den Wecker extra um 7 gestellt, um ungefähr 10 Stunden schlafen und uns so von den Strapazen des Tages erholen zu können. Bis auf eine kurze Toilettenpause Elisas schlafen wir beiden sehr gut und auch durch. Bis wir dann, statt von unserem Wecker um 7, von einem Anruf der Dame um kurz vor 6 Uhr geweckt werden, den wir zunächst verpassen. In der Sorge es könnte was mit den Pferden sein, springen wir aus dem Bett. Wir versuchen sie noch einmal zu erreichen, aber sie nimmt nicht ab. Elisa verlässt das Zimmer und läuft direkt in die Dame hinein „Guten Morgen! Das Frühstück ist angerichtet! Ist da etwa noch jemand im Bett? Wollt ihr Tee oder Kaffee?“. Wir sind beide irritiert und erschrocken und gleichzeitig beruhigt, dass nichts mit den Pferden ist. Wir erinnern uns an die Aussage des Schäfers und zögern die Einladung anzunehmen aus Angst, dass es uns hinterher in Rechnung gestellt wird. Aber das Frühstück ist ja schon fertig und eine Absage erscheint uns unmöglich. Daher machen wir uns schnell fertig und folgen der Dame nach oben. Dass die Haustür mit mehreren Riegeln und Schlössern zugesperrt ist, nehmen wir als weiteren Anlass unsere Handys für den Fall der Fälle mitzunehmen. Wir sitzen wieder in einem anderen Raum, es scheint als würde er extra nur zum Frühstücken existieren. Der Tisch ist beladen mit Sammelgeschirr, Käse, Kaffee, Eiern, Toast, Honig…. Wir frühstücken ausgiebig und gehen dann runter. Zu unserer Erleichterung schließt sie sofort die Tür auf und kocht sogar noch Mash für die Pferde auf. Wir holen die beiden, die ebenfalls gut geschlafen haben, füttern sie und machen sie fertig. Die Dame berät uns welchen Weg wir am besten einschlagen sollten und als wir ihr von uns aus 20€ als Bezahlung anbieten, lehnt sie es zu unserer Überraschung ab.
Wir laufen los, halten uns an ihre Wegbeschreibung und als wir versehentlich eine zu früh abbiegen wollen, hören wir von weitem ihr Rufen. Sie steht tatsächlich auf dem Balkon und beobachtet uns.. Wir winken ihr zu und freuen uns mehr denn je, als eine weitere Hecke die Sicht zurück zum Hof verdeckt. Der asphaltierte Weg führt uns hangabwärts in den Wald, wo wir auf einen schönen Wanderweg kommen, der parallel zu einem kleinen Bach läuft. Keine störenden Baumstämme, keine Treppen, keine großen Steine oder Felsen. Es gibt nichts zu beklagen und wir unterhalten uns über vergangene Erfahrungen mit Pferden und Reitweisen und lernen uns gegenseitig nochmal tiefer kennen.
Da wir uns nun endgültig, nach dem vorigen Tag, von den schwarzen Wegen trennen wollen, laufen wir bald darauf und eigentlich den ganzen restlichen Tag an einer Landstraße entlang. Zum Glück wird dadurch nicht großartig unsere Laune getrübt. Im Gegenteil: Köln steht uns kurz bevor und wir können es nicht fassen, dass wir es so weit schon geschafft haben.


Wir passieren Altenberg und Odenthal. Das Wetter ist sonnig. Zwischendurch lassen wir die Pferde auf einer großen Wiese oder am Straßenrand grasen. Die Autos sausen vorbei, aber Phoebe und Amica zucken nicht mal mit den Augenlidern. Kurz bevor wir in Köln Mülheim ankommen, laufen wir durch einen sehr schönen Wald, parallel zu uns der Reitweg. Ein Ortsschild beweist uns, dass wir schon in Köln sind. Wir sind überglücklich. Vor wenigen Wochen, nein sogar vor wenigen Tagen noch, war Köln unnahbar und es hat sich abwegig angefühlt überhaupt darüber nachzudenken mit den Pferden nach Köln zu wandern. Und jetzt stehen wir am Rande dieser Millionenstadt…





Wir schauen auf die Karte und sehen, dass uns nur noch ein Kilometer von der Straße mit den beiden Höfen trennt, die wir uns zuvor über Google Maps als Ziel ausgesucht hatten mit dem optimistischen Gedanken, dass einer von beiden uns schon nehmen würde.
Wir lassen die Pferde noch einmal grasen und gehen dann guter Dinge durch das Wohngebiet zum ersten Hof. „Bürger, schützt Kinder, Tiere und Natur!“ steht unter dem Namen des Hofes. Das klingt sympathisch, denken wir und fragen einen Arbeiter vor Ort an. Noch während wir uns vorstellen schüttelt der Mann ohne jegliches Argument den Kopf und sagt, dass er uns nicht aufnehmen werde. Obwohl wir wissen, dass die Straße runter noch ein Hof liegt, fragen wir ihn, ob er noch einen kenne. Aber er blockt komplett ab. Enttäuscht, weil uns der Hof ansonsten sehr gut gefallen hat, gehen wir weiter. Die Weiden des nächsten Hofs lassen nicht lange auf sich warten. Hier ist auf jeden Fall genug Platz!
Hannah läuft über das Grundstück zu einem Mann, der auf dem Trecker sitzt. Dieser ist sehr nett, kann uns aber ebenfalls nicht weiterhelfen. Boxen seien alle besetzt und auf die Wiese würde er aus Prinzip kein Pferd über Nacht stellen. Als Hannah ihn nach den Grund fragt, erwidert er, dass wir gar nicht wissen wollen würden, was manche Menschen hier schon mit den Pferden angestellt hätten. So wie der Mann das sagt, will Hannah das tatsächlich nicht genauer wissen. Aber sie schlägt vor, weil uns nichts anderes übrig bleibt, dass wir mit den Pferden draußen schlafen und so auf sie aufpassen könnten und die Verantwortung für ihr Wohlergehen übernehmen. Der Mann zögert und sieht ein, dass wir ja auch ansonsten keine Alternative haben. Er steigt von seinem Trecker und bespricht sich mit seiner Frau. Man merkt beiden an, dass es ihnen schwer fällt, uns abzusagen und dass sie kurz davor sind uns aufzunehmen. Aber ein weiterer Grund ist wohl auch, dass unsere Pferde nicht gegen Herpes geimpft sind und es vor einigen Jahren rund um Köln einen großen Ausbruch gab, sodass sie seitdem deutlich vorsichtiger fremden Pferden gegenüber sind. Sie schicken uns zu einem Voltigierverein, der bekanntermaßen mehrere Stallungen komplett leer stehen hat und in ungefähr 2 km Entfernung liegt. Bevor wir den Hof verlassen, bieten sie uns noch Kaffee an, den wir ablehnen und Wasser für die Pferde, das wir dankend annehmen.

Jetzt sind wir müde und bedrückt. Die 2 km laufen wir fast genau zurück, wie wir gekommen sind. Vor Ort stehen wir vor einem großen Tor. Es lässt sich zwar öffnen, aber dahinter wartet ein verlassener Hof auf uns. Nur ein Auto steht am Rand. In dem Moment läuft ein junger Typ an uns vorbei. Wir fragen ihn und er gibt uns bereitwillig Auskunft. Niemand sei momentan da, aber er kann uns eine Nummer geben. Elisa wählt die Nummer und unterhält sich minutenlang mit der Frau am anderen Ende der Leitung, die ihr direkt ablehnt mit der Begründung, dass sie bald auf Meisterschaft fahren und deswegen keine fremden Pferde aufnehmen. Elisa versucht ihr bestes, aber es hilft alles nichts. Sie legt auf und im selben Moment kommen die Tränen. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Es gibt keinen Plan B.
Wir versuchen uns psychisch darauf vorzubereiten im Wald mit der Litze einen kleinen Paddock abzugrenzen, Hannahs Mutter anzurufen, auf dass sie uns Heu und Wasser bringt und dann draußen zu schlafen. Dann öffnet Hannah ein weiteres Mal Google Maps und sucht über die Satellitenbilder nach Longierzirkeln, ein ziemlich sicheres Zeichen für Pferdehaltung. Und wird tatsächlich fündig. „Ich hab was!“ ruft sie, als sie sich ganz sicher ist, dass es sich um einen Stall handeln muss. Dieser liegt in einem Innenhof eines Wohngebiets mitten in Köln Mülheim. Hannah weiß, dass Elisas Zuversicht am Ende ist und will darum nun umso verzweifelter, dass es diesmal klappt. Es muss klappen! Sie führt uns einen weiteren Kilometer wieder mehr in Köln Mülheim herein bis zu dem sehr versteckten Hof. Und es ist tatsächlich ein Hof! Elisa hält die Pferde, Hannah betritt das Grundstück und trifft kurz darauf auf die Hofbesitzerin. Diese stellt viele Fragen und stimmt schließlich einer Aufnahme zu, mit dem Hinweis, dass es zwar keine Toilette gibt, sie aber am nächsten Morgen auch keine ‚Köttel‘ von uns finden möchte. Hannah will am liebsten direkt zu Elisa laufen, um ihr mitzuteilen, dass wir bleiben dürfen. Stattdessen führt sie das Gespräch zu ende und folgt der Frau auf eine Brachfläche. Auch diese Stallbesitzerin ist wenig begeistert über die fehlenden Herpesimpfungen und so bekommen wir einen Platz, der so weit wie möglich von den anderen Pferden entfernt ist und jeglichen Kontakt zwischen ihnen ausschließt. Ein großer Nachteil ist dafür aber, dass zwischen den Kiesfugen dieser Brachfläche nicht viel wächst. Als wir die Pferde abgesattelt haben und sie frei lassen, laufen sie mit der Nase auf dem Boden und am ein oder anderen Halm knabbernd herum und demonstrieren so ihren Hunger. Wir fragen die Frau nach Heu, aber das gibt sie uns nur sehr zögerlich. Zuerst heißt es sie wolle es uns abends geben, nachdem wir uns beschweren, will sie in einer halben Stunde damit kommen. Elisa geht einkaufen und es dauert insgesamt mehr als eine Dreiviertelstunde bis die Pferde endlich eine Portion Heu bekommen, die sie in Rekordzeit vertilgen. Für eine weitere müssen wir der Frau immer wieder hinterher laufen, dabei lehnt sie unsere Hilfe, mehr Geld und das Angebot von Hannahs Mutter Heu aus Stolberg zu bringen, entschieden ab. Wir sind frustriert und fragen schließlich doch das Heu aus Stolberg an, um auf Nummer sicher zu gehen. Es fällt uns beiden schwer die Pferde so hungrig zu sehen. Und das nach solch einem anstrengenden Tag!
Da kommt endlich die Frau wieder und bringt uns insgesamt vier große Heuportionen für den Abend und die Nacht. Wir atmen auf, rufen eilig Hannahs Mutter an, die glücklicherweise noch nicht weit gefahren ist. Elisa muss ein weiteres Mal losziehen, um Wasser zu kaufen, nachdem wir feststellen, dass das viel gelobte ‚Grundwasser‘ alles andere als genießbar ist. Wir sitzen noch lange bei den Pferden, essen, spielen Karten, hören Musik, quatschen mit der Frau und richten unser Lager schließlich zwischen Traktor und Rasenmäher in einem kleinen, halboffenen Schuppen ein. Der Himmel ist klar und bietet uns einen freien Blick auf den Sternenhimmel, bevor wir einschlafen.

TAG 12
*offener Mund*
Köln Mülheim – Hürth
20,3 km
Diese Nacht schlafen wir nicht viel. Wir werden von einer sinnlosen Wasserfontäne geweckt, von unruhigen Pferden, die eine weitere Portion Heu verlangen und von einem Regenschauer, der unser Gepäck bedroht. Wie immer klingelt der Wecker viel zu früh für Hannah. Aber diesmal wollen wir wirklich früh starten, um den Trubel in der Großstadt auf möglichst geringem Niveau zu halten. Wir packen zusammen und laden alles auf die vier Rücken. Vergeblich suchen wir nach einem Appleboy, mit dem man zumindest ein bisschen hätte sauber machen können. Dann verlassen wir, ohne uns verabschieden zu können, gegen 7 Uhr den Hof und finden uns kurz darauf auf dem Gehweg einer stark befahrenen Straße wieder. Die Menschen die uns begegnen, größtenteils auf dem Weg zur Schule oder der Arbeit, können ihren Augen nicht trauen, als sie uns sehen.



Wir laufen mitten durch Köln Mülheim bis ans Rheinufer. Parallel dazu geht es bis zu einer sehr komisch geformten und steilen Fußgängerbrücke, die uns ans andere Ufer, der Rheininsel, bringt. Der Weg ist schmal und jeder Fahrradfahrer eine Herausforderung. Wir sind froh, als wir in den Park kommen, in dem wir uns mit Luis, Elisas Bruder, und einer Freundin, Eva, verabredet haben. Die Pferde dürfen den kurzen Rasen noch weiter kürzen, während wir uns Knoppers und Brötchen reinziehen. Hannah zieht ihren Pullover aus und wir schütteln die Köpfe, als wir sehen, dass unsere Tshirts dieselbe Farbe haben. So können wir doch nicht über die Domplatte laufen! Der Pulli wird wieder angezogen, die Pferdeärsche mit „Abstand halten“ beschriftet, Kamera und Navi wechseln zu Luis, damit wir uns voll auf unsere vierbeinigen Fluchttiere konzentrieren können und dann machen wir uns überglücklich, so weit gekommen zu sein, und breit grinsend auf zur Hohenzollernbrücke.



Es ist etwa 9 Uhr. Aufgeregt betreten wir die Brücke. Hier oben zu stehen ist für uns in diesem Moment unbeschreiblich. Eine Wanderung zu planen, Ziele festzulegen und darüber zu Tagträumen ist das eine, aber es dann zu realisieren, wo auch noch so vieles im Vorhinein dagegen gesprochen hatte, etwas ganz anderes und in gewisser Weise fühlt es sich völlig absurd an, als unsere Beine uns dem Dom immer näher tragen. Als ob der Anblick eine Illusion wäre, ein Tagtraum von vielen… Aber jetzt stehen wir hier wirklich!
Kurz vorm Ende fängt die Brücke an zu vibrieren, als zwei ICEs an uns vorbeifahren. In Kombination mit dem lauten Dröhnen lässt sich Amica, die hinter Phoebe läuft, davon (völlig legitim) irritieren. Etwas tänzelnd erreicht sie festen Boden und beruhigt sich sogleich wieder. Wir laufen, wie vor einigen Wochen schon genau ausgekundschaftet und geplant, rechts einmal um den Dom herum. Wir stehlen erneut Touristenführern die Aufmerksamkeit der Touristen, bekommen Komplimente eines Geistlichen und wo wir auch hinlenken, wird uns großzügig und mit großen Augen Platz gemacht. Die Leute lachen und winken uns zu. Wir haben keine Probleme uns vor dem Dom zu positionieren und Luis gibt als Fotograf alles.




Wie zuvor geplant, lassen wir keine Streichel- oder Fotopausen zu, lenken uns nicht von Fragen ab, sondern machen uns strikt unserer Route folgend auf dem schnellsten und grünsten Weg raus aus der Stadt, um den Pferden unnötigen Stress zu ersparen. Es geht durch die Shoppingmall und kurz danach äppelt Amica und hinterlässt einen großen Haufen mitten auf einem breiten Fußgängerweg, kein Gebüsch in Sichtweite, in das wir ansonsten die Äppel reinschieben könnten. Wir gehen weiter, obwohl uns mehrere Menschen auf den Haufen hinweisen. Eine schick gekleidete Frau nimmt sich sogar die Zeit und beschwert sich gereizt. Hannah lässt sich auf eine kurze Diskussion mit ihr ein. Wir wissen, dass es nicht cool ist, so einen Haufen zu hinterlassen, aber uns bleibt im Endeffekt nichts anderes übrig, als ihn zu ignorieren. Zumal wir (voraussichtlich) nur ein einziges Mal in unserem Leben und im Leben unserer Pferde durch Köln laufen werden und generell, wie auch von den anderen Passanten argumentiert, es nur verdammt selten passiert hier ein Pferd anzutreffen. Deswegen finden wir es okay, den Haufen liegen zu lassen. Und sowieso ist er ja auch so groß, dass man ihn im Normalfall, sofern man nicht gerade zum Himmel stiert, früh genug erkennen sollte und ausreichend schnell ausweichen kann. Hannah beschäftigt die Kritik sehr, aber wir kommen auch hinterher zu dem Ergebnis, dass selbst mit zusammenklappbaren Spaten ein Entfernen des Haufens riskant gewesen wäre. Bei der Reizüberflutung, der die Pferde ausgesetzt sind ist Stehenbleiben Gift. Sie müssen immer weiter in Bewegung bleiben. Einfach weiter mit dem Strom laufen, dann sind sie ruhig. So ruhig, dass vermutlich manch einer sie für sediert hält. Neben der Kritik gab es aber auch viel Zuspruch. „Ist ja alles natürlich“, „früher war es das Normalste auf der Welt“ und „Ich freue mich über Dünger für meine Balkonpflanzen“…
Wir kommen in einen Park mit großem See, dessen Wasser noch schlimmer aussieht als das des Aasees. Trotzdem probieren wir unser Glück und bieten es den Pferden als Trinken an, die ablehnen. Hier machen wir nur eine kurze Graspause. Luis erinnert sich an ein Tankstelle um die Ecke und läuft mit dem gelben Falteimer los, um von dort Wasser zu holen. So lange lassen wir die Pferde auf einer großen Verkehrsinsel grasen. Aber leider wollen die Pferde auch von dem frischen Leitungswasser nichts trinken. Wir laufen weiter, einer schönen Allee folgend raus aus der Stadt. Wir sind begeistert von Köln, dass sich von dieser grünen Seite zeigt. Bis auf Köln Mülheim, Dom und Mall war es erstaunlich ruhig und für die Pferde entspannt gewesen. Viel weniger anstrengend als erwartet! In einem weiteren Park versucht gleich zweimal hintereinander ein offensichtlich nicht gehorchender Hund unsere Pferde zu jagen oder zum Spiel aufzufordern. Zum Glück springen Eva und Luis ein und helfen den Hund jedes Mal aufs neue wieder einzufangen. Wir erreichen den Stadtwald, trennen uns nacheinander von Eva und Luis und lassen die Pferde nochmal ganz ausgiebig grasen, bevor wir die letzten Kilometer zu den zwei Höfen antreten, die wir uns raus gesucht, aber noch nicht kontaktiert hatten.



Nach Verlassen des Waldes wird uns erst richtig die Hitze des Tages und die dauerhafte körperliche, wie auch psychische Anspannung bewusst. Wir haben vor Aufregung, Freude und dauerhafter Aufmerksamkeit für die Pferde vergessen ausreichend zu essen und zu trinken. Die Sonne ballert und wir laufen noch einige Kilometer bis wir endlich einen Hof erreichen. Wie immer fühlt sich das letzte Stück ewig und besonders kräftezehrend an. Wir wissen, dass die Pferde ziemlichen Durst haben müssen. Sie hatten immer noch nichts getrunken, obwohl wir es ihnen ja mehrmals angeboten hatten.
Wir steuern einen Hof an, werden von einem sehr freundlichen und interessierten älteren Mann zu seiner Schwägerin auf die andere Straßenseite geschickt. Leider ist allerdings nur ihr Lebensgefährte da, der uns zwar gerne aufnehmen würde, aber erst auf ihre Zustimmung warten will. Sie selbst ist noch beim Sport und nicht erreichbar. Wir laufen weiter zu einem kleinen Wohngebiet, wo auf einem kleinen Paddock mehrere Pferde stehen. Uns ist bewusst, dass hier wahrscheinlich nicht genügend Platz ist, aber wollen trotzdem mal nachfragen. Wir treffen nur einen alten, verwirrten Mann an, der scheinbar keine Ahnung hat. Hannah klingelt beim Nachbar. Es dauert lange bis sich die Türe öffnet. Im Übrigen hat Hannah bis dahin sogar den Eindruck gewonnen, das Haus sei unbewohnt, da Fenster offen standen und ihr Blick auf Kartons gefallen war. Aber dann steht plötzlich vor ihr ein ungepflegter Mann mittleren Alters, der ihr aufmerksam zuhört und dann den anderen Hof kommentiert mit „Nein, ihr habt was besseres verdient!“. Es dauert wieder lange bis Hannah ihn davon überzeugen kann, die Pferdebesitzerin, die wohl hier nicht wohnt, anzurufen. Diese ist sehr nett und schlägt uns vor, dass wir nochmal bei einem größeren Hof nachfragen und wenn das nicht klappt, würde sie bei sich noch für Platz schaffen. Wir bedanken uns umschwänglich. Der Mann sucht noch Nummern anderer Höfe raus. Hannah versucht ihm zu erklären, dass er nicht dort anzurufen braucht, da uns der Weg zu weit ist und wir lieber nochmal unser Glück bei dem anderen probieren. Er fährt sie wütend an: „Ruhe jetzt! Papi regelt das!!“. Hannah fühlt sich im falschen Film, braucht einen Moment bis sie sich gefangen hat und geht die zwei Schritte, die sie zurück gemacht hatte, wieder vor und versucht etwas eindringlicher mit ihm zu sprechen: „Bevor Sie da jetzt anrufen, macht es mehr Sinn, wenn wir nochmal zu dem anderen Hof gehen“. Das sieht er dann auch endlich ein, gibt ihr einen Zettel mit den Nummern der anderen beiden Höfen, die zwei Kilometer weiter liegen und verabschiedet sich mit ruhiger, normaler Stimme. Wir drehen um und treffen auf dem ersten Hof angekommen den Lebensgefährten der Schwägerin des älteren Mannes lachend an. Er winkt uns zu und führt uns zu einem abgezäunten Stück im Schatten großer Bäume. Generell kann er sich auch nicht vorstellen, dass seine Partnerin ein Problem damit haben könnte, dass wir für eine Nacht hier bleiben, sagt er. Wir bekommen Wasser für die Pferde, das Heulager gezeigt und zwei Stühle gestellt. Erleichtert eine Lösung gefunden zu haben, laden wir alles ab und versorgen die Pferde, die gleich mehrmals hintereinander den Eimer leeren und sich sichtlich über das Heu freuen.
Bald trudelt auch die Partnerin, bzw. Schwägerin vom Sport ein und zeigt sich ebenfalls optimistisch. Sie lädt uns dazu ein, im Reiterstübchen zu übernachten. Dieses und auch die restlichen Stall- und Wohngebäude bestehen aus Containern oder Wohnwagen. Insgesamt wirkt alles, was für die Pferde ist, sehr funktional, artgerecht und gepflegt; es ist einer der pferdefreundlichsten Höfe auf der ganzen Wanderung! Die Ausstattung für die dazugehörigen Menschen ist hingegen ranzig. Zentral im Hof steht eine große Industriehalle, die aber weder als Stall-, noch Wohngebäude, sondern wie sich später herausstellt, als Garage für zwei dutzend Autos dient.
Ein weiterer Aspekt, den wir für unerklärlich halten, ist die wohl sehr erotische Ausstrahlung eines 27-jährigen Isländers, dessen Zahnbestand zu wünschen übrig lässt, die Zunge hängt jedenfalls raus. Er trägt das Winterfell aus dem vorigen Jahr struppig auf den dem Alter entsprechend etwas herausstehenden Rippen. Unsere beiden Stuten stehen mit gespreizten Beinen am Gatter ihm gegenüber und rossen. Wir fremdschämen uns für sie in Grund und Boden und ziehen sogar eine zusätzliche Litze zwischen Zaun und unseren Pferden, um den Kontakt zwischen den Pferdegruppen noch mehr einzuschränken. Schließlich kostet dieser sinnliche Austausch nicht nur unseren beiden Damen wertvolle Energie, sondern auch der betagte Isländer findet keine Ruhe mehr.




Wir gehen rüber ins Stübchen, richten uns auf den beiden Sofas ein. Die Luft ist raus bei uns beiden. Der Tag durch Köln.. So lange hatten wir daran gedacht und jetzt hatten wir es geschafft und unser größtes Ziel erreicht. Tatsächlich sackt die Stimmung in ein nie dagewesenes Loch. Sogar der Abbruch der Wanderung steht für einen Moment zur Debatte, als wir den Wetterbericht, Dauerregen die nächsten Tage, sehen und gleichzeitig wissen, dass wir uns keinen weiteren Pausentag leisten können. Darüber hinaus steht uns beiden unsere Periode kurz bevor. Und dann erfährt Hannah noch, dass der Hof, den wir uns in Stolberg raus gesucht hatten, doch noch nicht informiert ist über unsere Ankunft. Sie ist enttäuscht. Und so endet ein Tag, der eigentlich der größte überhaupt war, in einer betrübten Stimmung.


Wir machen uns bettfertig, ziehen uns die Regencapes über und laufen zu den Pferden, um ihnen nochmal Heu und Wasser zu bringen. Hannah läuft im Dunkeln voraus, als sie ein lautes „Flatsch“ hört, sich umschaut, keine Elisa mehr sieht, dann ein Seufzen vom Boden. Sie schaut nach unten und muss laut lachen, als sie Elisa der Länge nach auf dem Boden liegen sieht. Gleiches passiert wenige Minuten später noch einmal, dann sind wir endlich wieder drinnen, ziehen die Capes aus und fragen uns beim Schlafen gehen, wer wohl im großen Bett schlafen darf. Es werden die Karten gezückt, um auf diplomatische Art und Weise eine Lösung für das Problem zu finden. Weil wir aber schließlich zu müde sind, um die entscheidende Partie zuende zu spielen, winkt Hannah schließlich ab und gibt Elisa den Vortritt fürs große Bett. Wir stellen uns keinen Wecker, weil es bis mindestens 11 Uhr regnen soll und wir uns denken, dass wir bis dahin mit Sicherheit wach sein werden.
TAG 13
„Viel Spaß!“
Hürth – Erftstadt Köttingen
15,7 km
Ausnahmsweise werden wir nicht vom Wecker geweckt, aber Ausschlafen ist leider auch nicht drin. Gegen 8 Uhr kommt die Stallbesitzerin, wie am Vorabend angekündigt, rein, um das Futter für ihre Pferde vorzubereiten. Wir bleiben gemütlich eingekuschelt liegen und quatschen ein bisschen mit ihr. Kurz darauf kommt ein fremder Mann rein mit seinem noch sehr jungen Hund (Yorkshire Terrier?), der eher einer Ratte als einem Hund ähnelte, dafür aber ein riesen Ego hatte.. Der Mann beachtet uns überhaupt nicht, sondern redet einfach weiter mit der Frau. Irgendwann verlassen beide den Container. Der Hund hingegen bleibt bei uns und springt, nach mehreren erfolglosen Versuchen auf Elisas Bett, in dem wir dann zu dritt sitzen und zuende Karten spielen (Anm. von Hannah: Hannah gewinnt), während der Regen hörbar aufs Dach prasselt. Nach dem Spiel recherchieren wir anhand der aktualisierten Wetterauskunft wann und wohin wir heute wandern und kontaktieren den Zielhof. Gegen 11 soll es eine Regenpause geben. Wir nehmen uns vor, uns für dann fertig zu machen und loszulaufen. Insgesamt soll es nur eine kurze Strecke, 15 km, werden, um uns nach dem anstrengenden Tag gestern zu schonen und gleichzeitig so wenig Regen wie möglich mitzunehmen. Wir geben den Pferden Futter und füllen Heu und Wasser auf. Dabei fällt uns auf, dass Amica nicht ganz fit ist. Sie scheint beim Fressen ein Problem zu haben, sodass sie wie eine Kuh kaut. Weil sie aber ansonsten gut drauf ist, beschließen trotzdem zu wandern und ein Auge auf sie zu behalten.
Sobald der Regen weniger wird, gehen wir raus, holen die Pferde auf die andere Seite und binden sie zum Fertigmachen in der kleinen Container-Stallgasse an. Wir sind noch nicht am Ende der Straße angekommen, als es wieder anfängt zu nieseln. Wir laufen durch ein Dorf hindurch und dann auf einem Sand-/Kiesweg an einem See entlang durch den Wald. Unterwegs treffen wir nur ein Paar, das mit ihren Hunden spazieren geht. Die restliche Bevölkerung verbringt ihre Zeit lieber nicht draußen. Es ist kühl, nass und windig. Und zu allem Überfluss wird Elisa noch zusätzlich von Kopfschmerzen geplagt. Nach 3 Kilometern führt uns unser Weg vom See weg zu einer Landstraße, geradewegs an einem großen Chemiewerk vorbei. Es ist mit Abstand der hässlichste Ort, an dem wir auf unseren Wanderungen je waren. Jetzt ist es kühl, nass, windig, grau, laut und es stinkt. Und die LKWs, die uns regelmäßig überholen, machen die Sache nicht besser. Wir verlaufen uns, müssen wieder zurück und können endlich abbiegen auf einen Feldweg parallel zur Straße. Wir lassen die Pferde nochmal grasen und auch dieses Mal frisst Amica nicht so wie üblich: Auf den ersten Blick erkennt man es nicht, aber wenn man drauf achtet, sieht man, wie das Gras, das sie frisst, seitlich wieder raus aus ihrem Maul fällt. Wir gehen weiter, bemerken, dass der Feldweg eine Sackgasse ist und müssen die steile Böschung herabklettern, um zurück zur Straße zu kommen. Dann aber geht es rechts hinein in den Wald und anders als befürchtet, bleibt es auch bei Wald. Der Regen lässt nach. Wir atmen auf. Wir gehen eine ganze Weile schweigend durch den Wald, als es plötzlich knallt. Phoebe macht einen Satz, dann schauen wir alle vier erschrocken zum Wegrand, an dem ein großer Ast auf den Boden herabgestürzt ist. Die nächsten Kilometer sind wir aufmerksam und deutlich weniger döselig. Wir sollen unter eine Brücke hindurch und dann nur noch geradeaus laufen bis zum Hof. Leider ist unterhalb der Brücke ein Tor, durch das wir mit dem Gepäck nicht durch kommen, sodass wir einen kleinen Umweg noch zusätzlich laufen müssen. Wir fühlen uns fast schon wie ein Sondereinsatzkommando, so leise und unbemerkt laufen wir über Schleichwege hinter einer Reihe von Gärten nach Erftstadt Köttingen hinein.
Es mag mit am Wetter liegen, aber Erftstadt Köttingen wirkt auf uns grau und verschlafen, insgesamt eher unsympathisch. Wir laufen durch ein Wohngebiet und dann sehen wir einen großen Hof mit vielen Boxen. Wir betreten ihn, laufen bis zur Halle, in der gerade unterrichtet wird. Davor sitzen einige Mütter mit Kindern. Wir fragen eins von ihnen nach dem Reitlehrer, der 2 Minuten später herauskommt und uns freundlich begrüßt. Uns werden Boxen angeboten, aber wir dürfen die Pferde auch auf die Wiese direkt an der Halle stellen und selbst eine Box in Beschlag nehmen. Wir tun wie geheißen, satteln ab und bringen unsere Sachen in eine der Boxen, hängen die nassen Sachen an den Boxenwänden auf und führen die Pferde auf die Wiese. Phoebe wälzt sich, Amica sucht wählerisch nach dem besten Gras. Wir bringen den Damen Heu und Wasser und putzen, wie jeden Abend über die Sattelflächen. Das komische Fressen hat sich zusätzlich noch verschlimmert. Wir schicken ein Video an Elisas Patentante, die uns später empfiehlt mal selbst ins Maul zu sehen. Weil es die ganze Zeit regnet, suchen wir uns schon mal einen Schlafplatz, wir haben die Wahl zwischen Box, Strohballen oder Reiterstübchen und entscheiden uns im Endeffekt fürs letzte. Wir bestellen Pizza und sitzen im warmen Reiterstübchen, als sich zu uns ein 18.Geburtstag gesellt, dessen Geburtstagskind an diesem Tag ein Pferd geschenkt bekommen hat. Wir fühlen uns wie die Partycrasher, gehen raus in die Kälte, nehmen die Pizza entgegen (der Fahrer hatte seinen ersten Arbeitstag) und überlegen wo wir uns damit hinsetzen können. Wir laufen zum Strohballen, werden aber dort von einer riesigen Kackwurst mitten darauf verschreckt und weichen aus auf den Heuwagen vor der Halle. Es ist kalt. Irgendwann entscheiden wir, dass der Geburtstag nun genug Privatsphäre hatte und gehen wieder rüber zum Stübchen, um dort den Rest der Pizza zu essen. Dann gehen wir wieder zu den Pferden, versuchen in Amicas Maul zu sehen, können aber nichts entdecken. Wir führen sie zur Dusche, Phoebe muss natürlich auch mit. Wobei hier eher Amica Phoebe seelischen Beistand leistete als andersherum. Amicas Maul wird ausgespült, um dann genauer mit der Taschenlampe hinein leuchten zu können, aber auch nach mehreren Spülgängen und Versuchen finden wir nichts. Zum Vergleich versuchen wir einen Blick in Phoebes Maul zu werfen, aber diese presst so stark ihre Lippen aufeinander, dass wir es nicht mal mehr aufbekommen! Und wenn es der eine Finger in die Zahnlücke schafft, arbeitet sie so viel mit der Zunge, dass man keine Chance hat, diese zu packen. Wir geben es amüsiert auf. Hannah notiert sich, das zu üben, um bei Problemen zukünftig besser vorbereitet zu sein.
Wir stellen die beiden Damen zurück, bemerken eine leichte Verbesserung bei Amica und geben ihr Mash.
Wir beschließen die Entscheidung einen Tierarzt zu rufen oder nicht auf morgen früh zu verschieben. Amica kann genug fressen, dass sie die Nacht problemlos verbringen sollte. Wir gehen rüber zum Stübchen, machen uns fertig, vermissen auf ein Neues eine Dusche, aber können uns zumindest an zwei Waschbecken mit heißem Wasser waschen. Unseren Haaren hilft das nicht weiter, sie haben nun schon seit vier Tagen keine Seife mehr gesehen und wir beginnen uns langsam vor uns selbst zu ekeln. Aber es hilft ja alles nichts..
Wir legen uns schlafen, Elisa auf einer der Holzbänke nur mit Schlafsack, Hannah mit Schlafsack und Isomatte auf dem Boden.
TAG 14
„Lass mal da hinten nach Wasser fragen“ „Hannah, das ist Vettweiß. Wir sind schon angekommen!“ „Was?! Als ob!“
Erftstadt Köttingen – Vettweiß
20,8 km
Wir schlafen nicht so gut im Reiterstübchen. Elisa kann auf der Bank nur in einer Position schlafen, Hannah gruselt sich vor einem Angriff von Spinnen. Wir haben jedenfalls keine Mühe aufzustehen, als der Wecker klingelt. Im Gegenteil, es ist noch so dunkel, dass wir eher zu früh dran sind. Wir packen zusammen, Elisa tapet Hannahs Fuß ein weiteres Mal (sie war drei Wochen vor der Wanderung umgeknickt und die Bänder haben sich noch nicht vollständig davon erholt), dann essen wir die Pizzareste zum Frühstück und gehen zu den Pferden. Amica frisst deutlich besser, dafür haben sich nun zwei neue Probleme entwickelt: Sie reagiert sehr empfindlich, wenn man auch nur mit der Hand über ihren Widerrist streicht. Ihre Haut zuckt und sie wirft den Kopf hoch. Dazu haben sich auf ihrem Rücken Knubbel ausgebreitet, die aber selbst keine Wirkung zu haben scheinen, ihr also weder schmerzen noch jucken. Es sieht aus wie eine allergische Reaktion. Wir rufen Elisas Mutter an und beraten uns mit ihr und entscheiden schlussendlich, dass wir Amica mitnehmen können, weil sie an sich fit ist. Aber sie kann definitiv kein Gepäck tragen! Wir rufen Hannahs Mutter an und sprechen mit ihr ab, dass sie Amicas Gepäck im Laufe des Tages abholen kommt. Sobald der Plan steht, packen wir Schmutzwäsche und alles, was wir für die nächsten zwei Tage nicht mehr brauchen, um in Amicas Gepäcktaschen und alles andere in Phoebes hinein. Dann wird Phoebe bepackt. Wir verabschieden uns und laufen los. Jetzt nur noch mit einem Pack- und einem Handpferd.
Insgesamt haben wir gute Laune. Es regnet nicht, es ist nur windig und bewölkt, aber damit lässt sich gut wandern. Die Strecke selbst führt größtenteils über Feldwege geradeaus mit kaum Kurven und eignet sich daher ideal dafür den Kopf einfach auszuschalten und in eine Wandertrance zu verfallen. Wir hören Musik, summen zu der Musik und führen lange Telefonate mit Familie und Freunden.






Dazu erkennt Hannah in der Ferne ein vertrautes Bild: Weisweiler! Das große Kohlekraftwerk liegt nord-östlich von Aachen und weist mit seinen riesigen Wolken den Weg in Hannahs Heimat. Ausnahmsweise freut sie sich über den hässlichen Anblick. Weiter nördlich erkennt man auch bei genauerem Hinsehen die großen Kohlebagger vom Tagebau Inden. Schauen wir zurück so sehen wir noch das Chemiewerk von gestern auf der anderen Seite.
Wir erreichen eine kleine Stadt und sehen einen Bäcker. Elisa übernimmt die Pferde, Hannah läuft hin und holt Laugengebäck. Auf dem Weg hört sie ein Paar reden: „Schau mal, die sind am Auswandern! Woher die wohl kommen?“, sie antwortet „Wir sind aus Münster!“, aber das Pärchen reagiert nicht auf sie. Kaum hat man kein Pferd mehr an der Hand, wird man gar nicht mehr wahrgenommen.. 😀
Wir sind mitten auf einem Feldweg unterwegs, als Elisa ihre Periode bekommt. Wir machen eine Pause. Die Pferde laufen vom Wegrand zu einem Acker und bedienen sich an einer krautigen Pflanze. Diese scheint besonders gut zu munden. Wir tippen auf Luzerne, schauen auf FloraIncognita nach und werden in unserer Vermutung bestätigt. Wir freuen uns für die Pferde, als wir lesen wie gesund und proteinhaltig Luzerne sind…
Beim Weiterlaufen sucht Hannah über Google Maps mehrere kleine Höfe heraus und markiert sie auf der Karte. Als wir kurz vor Vettweiß stehen, wir sind überrascht, wie schnell die 20 km vergangen sind, laufen wir zu dem Hof, der sowieso auch auf unserer morgigen Route liegt und freuen uns, als wir sofort aufgenommen werden und die Pferde auf eine Wiese stellen dürfen. „Ich mache euch gleich ein Bett aus Stroh“ sagt der nette Hofbesitzer und wir freuen uns noch mehr. Wir bringen den Pferden Heu und Wasser und dürfen ein Fahrrad der Familie ausleihen, um damit zum Aldi einkaufen zu fahren. Außerdem werden wir für morgen früh auf einen Kaffee eingeladen.


Sobald man sich nicht mehr bewegt, wird es schnell kälter. Aber der Hofbesitzer ist so lieb und stellt die Strohballen so, dass wir ein großes Bett in der halboffenen Scheune haben und darüber hinaus noch einen Windschutz. Während Elisa einkaufen fährt, richtet Hannah unser Lager her. Wir lernen eine der Einstallerinnen kennen, mit der wir uns lange unterhalten und die auch sehr sympathisch mit ihrem Pferd umgeht. Sie erzählt davon, dass es aus dem Tierschutz kommt und zeigt uns auch eine Sammlung an Halftern, die sie selbst gebastelt hat. Wir sind so begeistert, dass sie uns kurzerhand eines schenkt. Darüber hinaus lädt sie uns dazu ein Mash von ihr für Phoebe und Amica aufzukochen. Wir fühlen uns sehr wohl und gut aufgehoben. Besonders, als wir, nachdem wir gefragt haben, ob es möglich ist zu duschen, von der Tochter der Hofbesitzer zu zwei Badezimmern geführt werden. Wir duschen, wärmen uns auf, waschen unsere Haare und sind überglücklich. Wir füttern den Pferden eine extra große Portion Mash, kochen noch eine Spargelcremesuppe mit dem Campingkocher auf und verkrümeln uns anschließend dick eingepackt in unsere Schlafsäcke.
Gegen 22 Uhr, nach mehreren Partien Kartenspiel, legen wir uns schlafen.
TAG 15
„Kannst du dir auch nicht vorstellen, dass Henning May bei ‚Ganz egal‘ an Menschenaugen denkt? Für mich kommen da nur Pferdeaugen infrage..“ „Ja, same.“
Vettweiß – Hürtgenwald
19,3 km
Hannah wacht mit Unterleibsschmerzen auf, die ihre Periode einläuten. Wir putzen uns am Waschbecken die Zähne, räumen unsere Sachen zusammen und packen alles in die Taschen ein, die uns geblieben sind. Insgesamt ist das jetzt deutlich einfacher, wo wir generell nicht mehr so viel dabei haben. Wir laufen zu den Pferden, freuen uns, dass die Knubbel auf Amicas Rücken sich zwar ausgebreitet haben, aber insgesamt deutlich abgeschwollen sind und sie auch mittlerweile wieder ganz normal frisst. Bei Phoebe entdecken wir ebenfalls leichte Knubbel. Aber sie beunruhigen uns nicht mehr. Die Pferde sind gut drauf. Wir führen sie zur Scheune, Elisa bekommt eine Tasse Kaffee gestellt, dazu noch einige hartgekochte Eier, die wir mit Freuden einpacken. Wir werfen eine Dankeskarte in den Briefkasten der Familie und laufen dann los. Weil der Hof sowieso auf dem Weg lag, haben wir keinen Umweg gemacht und können daher sofort weiterlaufen.
Die Luft ist frisch, aber der Himmel blau und die Sonne wärmt uns ein bisschen, als wir die Straße runter laufen. Wir sind gut drauf.



Da wir uns bei der Planung der Strecke dagegen entschieden haben durch Düren zu laufen, machen wir einen leichten Bogen in den Süden, also Richtung Nordeifel. Heute geht es vom Flachland ins leicht Hügelige. Von den Feldern in den Wald. Vom Asphalt auf Naturboden.
Hannah hatte sich erhofft, dass sich durch das viele Laufen und die frische Luft ihre Schmerzen in Grenzen halten würden, aber dies ist leider nicht der Fall. Sie merkt, wie sie nach und nach in eine Trance des Schmerzes verfällt und nicht mehr so aufmerksam Phoebe gegenüber ist wie sonst. Dann muss eben doch die Ibu zum Einsatz kommen. Wir laufen durch eine Heidelandschaft, als vor uns ein Holzsteg beginnt. Darüber sollten die Pferde nicht laufen, da immer die Gefahr besteht, dass das Holz bricht. Wir lassen die Pferde daneben laufen, bis Amica im feuchten Untergrund unsicher wird und doch auf den Holzsteg steigt. Jetzt will auch Phoebe hoch und da es mit Amica offenbar klappt, lässt Hannah das zu. Nur der Abstieg wird schwierig. Amica schafft es einigermaßen elegant runter. Phoebe setzt gerade den ersten Hinterhuf runter, als sie mit dem auf dem Holz verbleibenden ausrutscht und mit dem anderen Bein unter den Steg gelangt. Sie stürzt, rappelt sich aber sofort wieder auf. Wir gehen einige Meter vor. Zunächst scheint alles in Ordnung, dann aber hält Phoebe ihr Bein hoch. Blut quillt hervor. Oh nein, das darf nicht wahr sein! Vorsichtig setzt Phoebe den Huf wieder ab und belastet das Bein langsam. Wir beugen uns herunter und untersuchen die Verletzung. Zum Glück ist sie nur oberflächlich und auch das Blut gerinnt sofort wieder. Wir sind heilfroh und dankbar, dass es nichts schlimmeres ist. Der Schmerz scheint nachzulassen, denn Phoebe lahmt bei den folgenden Schritten nicht mehr. Jetzt laufen wir querfeldein durch das Naturschutzgebiet. Bloß keine Holzstege mehr! Es folgt ein wunderschöner Wald. Wir überqueren eine Schnellstraße, überwinden zweimal Schranken, die uns fast verzweifeln lassen, weil sie den Weg so beengen.




Vom Wald führt uns unser Weg an einer Landstraße entlang. An einem Kreisverkehr dann eine kleine Überraschung: Eines der Schilder zeigt Stolberg in 25 km an! Wir machen die Musik lauter und singen fröhlich mit. Und es gibt noch einen Grund zur Freude: den Hof den wir ansteuern liegt direkt an einem Fernmeldeturm, der von hier aus schon sichtbar ist! Wir biegen von der Straße ab, erreichen einen kleinen Hügel und stapfen diesen hoch, bis wir uns über die dunkle Aussicht erschrecken. Schnell werden die Regencapes gezückt und da landen auch schon die ersten Tropfen auf uns.



Naja, weit kann es ja nicht mehr sein, denken wir und machen uns fleißig daran den nächsten Berg in Angriff zu nehmen. Der Waldweg entpuppt sich als tückischer Pfad. Wir sehen uns mit einem Abhang konfrontiert, der in einem Bach mündet und nachdem wir diesen erfolgreich durchquert haben, kommt das nächste Problem: Wir befinden uns quasi auf einem Wall. Links und rechts geht es steil runter und vor uns ist ein Baum umgekippt. Dazu strömender Regen. Wenden geht nur schwer. Zurück können wir nicht. Wir probieren hin und her, der Stamm ist an einer schmalen Stelle ganz am Rand des Pfades bewältigbar, aber Phoebe traut sich nicht. Sie trägt noch das Gepäck und ist dementsprechend nicht so wendig. Hannah weiß, dass sie ihre Gründe hat, wenn sie partout nicht will. Zu groß ist ihr das Risiko, dass Phoebe auf der anderen Seite angekommen abstürzen könnte. Amica geht rüber, aber auch dann will Phoebe nicht. Also geht Hannah mit ihr rückwärts den Pfad entlang bis zu einer geeigneten Stelle den Steilhang zum Bach runterzulaufen und durch diesen durchzuwaten und nach dem Baumstamm wieder hoch zum Weg zu kraxeln. Das gelingt zum Glück ohne weitere Zwischenfälle. Wieder vereint laufen wir mit Mühe diesen steinigen Pfad weiter, bis wir endlich den Hof erreichen.
Es dauert bis wir jemanden finden, der uns weiterhelfen kann. Wir werden nur sehr unwillig aufgenommen. Für die Pferde gibt es zwei Boxen, für die wir jeweils 30€ zahlen sollen. Wir selbst dürfen hier nicht übernachten. Auch nicht in der Scheune. Nachdem wir die Pferde in die Boxen gestellt und mit Heu versorgt haben, werden wir in einen Raum geführt. Uns gegenüber sitzen zwei Männer. Wir müssen die Pferdepässe und unsere eigenen vorlegen, die abfotografiert werden. Weil wir nicht mehr genug Bargeld dabei haben und die Männer nicht auf die Ankunft von Hannahs Mutter warten wollen, zwingen sie uns dazu mit einer von uns zur Bank zu fahren. Hannah opfert sich dafür, aber wohl ist ihr bei der Sache nicht. Auf der Fahrt telefoniert der Mann offenbar mit seiner Chefin und macht Witze darüber, ob er Hannah wirklich zurück zum Hof fährt oder doch entführen könnte. Hannah ignoriert ihn und ist froh, als sie ihm endlich das Geld in die Hand drücken kann und sich aus dem Auto befreit. Wir sehen nochmal nach den Pferden, versorgen sie mit Heu, kramen unsere Sachen und setzen uns nochmal in den Raum.
Es dauert mehrere Stunden bis Hannahs Mutter ankommt, die Sachen einlädt und uns mit nach Stolberg nimmt. Dort angekommen ziehen wir uns um und fahren in ein Restaurant. Das dicke Essen, die „Zivilisation“ fühlt sich ungewohnt und doch unglaublich toll an.
Nur noch ein Tag, dann haben wir es geschafft!

TAG 16
„Ihr habt es geschafft! Glückwunsch, meine Zaubermäuse!“
Hürtgenwald – Stolberg
19,0 km
Wir sind auf dem Weg von Stolberg nach Hürtgenwald. Die Fahrt mit dem Auto fühlt sich verrückt an. Die hohe Geschwindigkeit ist ungewohnt. Die Wiesen und Bäume fliegen an einem vorbei, während wir durch dieselbe Landschaft fahren, durch die wir heute einen ganzen Tag wieder zurück laufen werden. Das, wofür wir mit dem Auto 20 Minuten brauchen, dauert zu Fuß 5 Stunden. Aber so ist das.
Wir kommen gut ausgeruht, aufgewärmt und vom „Luxus“ der letzten Stunden profitierend zurück in die Stallgasse, in der wir schon sehnlichst von unseren beiden treuen Pferden erwartet werden. Selten wurden wir so überschwänglich von ihnen begrüßt, so sehr wollen sie weg von diesem Ort und wir können es ihnen nicht verübeln. Auch wir fühlen uns hier alles andere als wohl.

Heute laufen unsere Packpferde beide als Handpferde, denn wir haben unser Gepäck einfach direkt komplett bei Hannahs Mutter gelassen. Nur Hannahs Rucksack mit Essen und Regencapes etc. nehmen wir noch mit. Wir laufen los und spüren die Freude der Pferde. Dieser letzte Wandertag soll fast nur aus Wald bestehen und so nutzen wir die letzte Wiese, die sich uns bietet und lassen die Pferde darauf ausgiebig grasen, bevor wir weitergehen.
Der Weg durch den Wald ist typisch für die Nordeifel: man begegnet niemandem, kreuzt keine Straßen, hört nichts außer Natur, sodass man das Gefühl hat völlig allein in einem riesigen Wald zu sein. Zum Glück sind aber die Wege gut ausgebaut. Nur einmal laufen wir auf einem Pfad, der etwas schwieriger für die Pferde ist. Phoebe rutscht darauf mit den Hinterbeinen ein Stück herunter, aber verletzt sich Gott sei Dank nicht. Wir passieren die Wehebachtalsperre. Hier sieht man noch Spuren der Flutkatastrophe Juli 2021. Die abgestorbenen Bäume und der schwarze Boden wirken wie aus einer anderen Welt. Wir gehen weiter, sehen links und rechts Spuren des Bibers und freuen uns darüber.







Hannah weiß, dass wir bald in Vicht sind. Ab hier kennt sie sich aus und auch Phoebe könnte die Strecke wiedererkennen. In Vicht sind wir mit Freunden, P. & W., verabredet, die unsere Wanderung schon länger mitverfolgen. Bis zu ihrem Haus müssen wir leider einen Umweg laufen, aber es lohnt sich: Es gibt Kuchen und Tee und für die Pferde jede Menge Möhren, die sie sich mit Eddi, dem Labrador, teilen. Gestärkt und amüsiert laufen wir wieder zurück nach Vicht „City“, gehen am Friedhof vorbei, passieren die Brücke, die über die jetzt auf geringen Niveau gluckernde Inde führt (der Bach, der im Juli 2021 in Vicht erheblichen Schaden angerichtet hat) und steuern den Schlangenberg an. Wir sind überrascht, als wir erneut auf dieser Wanderung das Muschelsymbol sehen. Hier verläuft also auch der Jakobsweg! Es dauert nicht mehr lange, dann biegen wir auf den Reitweg ab, der uns zum Stall führt. Zum allerletzten Stall dieser Wanderung. Wir sind fast da. Wir haben es fast geschafft! Wir können und wollen es nicht glauben. Einerseits sind wir froh. Periode und die immer frischere und nasse Witterung drückten unsere Wanderlust enorm, aber andererseits können wir uns auch kaum vorstellen wieder in unseren Alltag zurückzukehren, als sei nichts gewesen.
Wir kommen auf dem Hof an. Völlig ruhig und unspektakulär erreichen wir nach 285 km und 16 Tagen unser Ziel. Niemand beachtet uns. Wir müssen erst den Besitzer anrufen, der, wie sich herausstellt, uns vergessen hat. Sein Vater, Hannahs alter Reitlehrer, streut zwei Boxen mit Stroh ein. Er stellt kaum Fragen, ist zwar etwas erstaunt über ihren Anblick, aber die Überraschung hält sich in Grenzen. Nachdem wir die Pferde versorgt haben und es kurz darauf anfängt zu gewittern, setzen wir uns ins Reiterstübchen und snacken unsere letzten Snacks. Das war es also. Morgen würden wir schon abgeholt werden. Einen Tag Pause gibt es nicht, obwohl wir ihn gerne hätten, aber es war schon schwierig genug überhaupt jemanden zu finden, der uns an einem Sonntag fahren konnte/wollte. Wir sehen den Reitern in der Halle zu, wie sie auf ihren Pferden sitzen. Es ist nicht das erste Mal auf der Wanderung, dass wir uns Reiter auf Pferden ansehen. Die wenigsten können tatsächlich reiten. Die meisten halten die Zügel mit eiserner Hand viel zu feste und drücken gleichzeitig bei jedem Schritt die Sporen in den Pferdebauch. Die Pferde selbst sind größtenteils abgestumpft. Sie laufen mit offenem Maul in Rollkur, schlagendem Schweif und ohne unterzutreten auseinandergefallen ihre Runden. Wie sehr kann man mit einem anderen Lebewesen misskommunizieren? Wie sehr muss man Dinge nicht infrage stellen, um sein Pferd derartig zuzuschnüren? Warum glaubt man dem Reitlehrer mehr als seinem eigenen Pferd?
Wir denken an Amica und Phoebe. Sicher läuft unsere Kommunikation mit ihnen nicht immer reibungslos. Sicher gibt es immer wieder Missverständnisse. Aber nie, niemals würden wir ihre Würde unter die unserer stellen! Insbesondere nach alldem was wir zusammen erlebt haben. Nach all den Abenteuern, nach all den Erlebnissen…
Phoebe und Amica. Wir sind euch zutiefst dankbar!


Diese Wanderung stand der vorigen in nichts nach. Im Gegenteil: wir liefen länger, weiter, waren mehr Widrigkeiten ausgesetzt und kamen am Ende doch alle wohlbehalten und glücklich an. Die Strecke war überraschenderweise schöner als die an die Nordsee, aber dafür die Menschen im Durchschnitt weniger hilfsbereit.
Unterwegs haben wir uns vorgenommen: Gastfreundschaft ist zwar nicht selbstverständlich, aber sie kann sehr viel Freude bereiten und wir möchten die Gelegenheit nutzen jemandem solche Gastfreundschaft zu bieten, auf die wir selbst auf der Wanderung angewiesen waren oder vermisst haben, wenn sich eine solche uns bietet.
DANKESCHÖN! ❤
PS: Wir wurden am 18.September abgeholt und sind gut zurück in Münster angekommen!
Unsere Wanderung 2021 an die Nordsee findet ihr hier







